Ausgeflogen

Selbst in gut geführten Haushalten kommt es manchmal vor: Sachen passieren, die hat man so nicht eingeplant. Zum Beispiel stehen auf einmal Geräte auf dem Fußboden, die dort originär nicht hingehören:

Baufahrzeug

Aber das macht ja nichts. Spontan, wie unsereins mit der Zeit so geworden ist, nutzen wir die Gelegenheit natürlich. Wenn das Gerät schonmal herumsteht, kann man es auch benutzen und damit durch die Gegend fahren. Und Kram draufpacken. Und wenn der Enthusiasmus plötzlich mit einem durchgeht, dann hat man plötzlich alle Sachen aus der Wohnung gefahren. Ruckzuck geht das. Geschickt, wie ich mit derlei physischen Aktivitäten so bin, kann ich kaum schnell genug mit den Augen blinzeln, wie das Inventar an mir vorbei rauscht.

Wenn man jetzt schon mal Tabula Rasa macht, warum dann nicht richtig? Also chauffieren wir testhalber auch mal die Kinder nach draußen. Sie haben hier für den Moment eh nichts mehr zum Spielen. Also was soll’s? Raus und ab zu den Großeltern. Für mehrere Tage sogar. Wir bleiben zurück und starren eine Weile in leere Räume. Das gab’s noch nie. Also nicht das Starren. Das gibt’s hier laufend. Aber ein Leben ohne Kinder: Das gab’s hier wirklich noch nicht, zumindest nicht, seitdem sie die Bude hier mit bevölkern.

Das ist ein Experiment von einem Ausmaß, man macht sich keine Vorstellungen. Aus anderen Familien hört man, dass die Söhne schon in der Vorschulzeit für eine ganze Woche auf Klassenfahrten gehen. So etwas gibt es hier nicht. Das ist eine Legende, die aus dem hohen Norden bis zu uns in die Südstaaten vorgedrungen ist. Hier läuft das alles etwas gesitteter ab. Hier bereiten wir die Kinder behutsam auf ihren eigenen kleinen Urlaub vor. Hier wird wochenlang darauf eingestimmt. Hier erzählen wir ihnen, was sie alles tolles machen werden, auch ohne uns, das Leben geht weiter, es wird bestimmt schön. Sie gucken uns mit großen Augen an und bauen weiter ihre Legogebilde zusammen.

Aber irgendwann kommt der Tag. Irgendwann ist es soweit. Irgendwann laden wir den Nachwuchs ins Gefährt und bringen sie auf die Reise. Wir rollen durch’s Land, bis wir die Großeltern winken sehen. Kaum angehalten, liegen die Kinder in deren Armen. Ich denke mir: zum Abschied nochmal umarmen, in den Arm nehmen, Küsschen hier, Küsschen dort, tröstende Worte mitgeben – all das sollte nochmal drin sein. All das brauchen auch die Kinder. Sie sind uns Eltern schließlich gewohnt. Wir sind immer da. Sie kennen das gar nicht anders. Und jetzt drehen sie sich nur kurz um, sagen “Tschüß!” und texten ab dann nur noch ihre Großeltern zu.

So läuft’s auch in den nächsten Tagen. Es ist auf einmal sehr ruhig. Die Kinder sind nicht da. Sie rufen nicht an. Auch im Skype rührt sich nichts. Nur durch Dritte bekommen wir mit, was sie eigentlich den ganzen Tag so tun, dass sie am Abend pünktlich und ganz ohne uns ins Bett gehen und prompt einschlafen.

Unsereiner bleibt hier zurück, hängt mit der Dame des Hauses in diversen Restaurants oder im Kino herum. Ich bin morgens plötzlich zu Zeiten im Büro, zu denen ich dort seit Jahren nicht mehr gesehen wurde. Und ich drehe am Abend Laufrunden durch die Vororte, bei denen es gar nicht wirklich schlimm ist, dass ich mich mehrfach im Wald verirre und in Feldwegsackgassen ende. Es wartet eh niemand auf mich und möchte noch einmal etwas zu Trinken oder die Decke neu glattgestrichen haben.

Kurzum: Das ist doch kein Leben. Zumindest nicht, bis auf einmal die Geräte auf dem Boden wieder so aussehen:

Luftballons

Dann weiß man: Es ist geschafft. Sie sind wieder da.