Körperpflegedienst

Wenn Kinder im Haus einziehen, gibt es plötzlich neue Herausforderungen, von denen ahnt man vorher nichts. Vor schlafarmen Nächten wird man gewarnt. Darum geht’s hier nicht. Von Sorgen beim Essen hört man immer wieder. Kennen wir hier kaum. Hat man Umgang in den richtigen Kreisen, verrät einem vielleicht mal jemand etwas von Dramen bei der Kleidungswahl, gerade am Morgen, das ist nicht immer leicht, aber darum geht’s hier und heute auch nicht.

Wir reden heute mal von dem, was viele gern verschweigen: Der Körperpflege. Das Thema ist heikel. Darüber spricht man nicht gern. Wer weiß, was auf einmal die anderen von einem halten. Einmal etwas gesagt und plötzlich wechseln die Gesprächspartner bei der nächsten Begegnung weiträumig die Straßenseite, noch bevor man selbst ahnt, dass man demnächst raus auf die Straße gehen würde.

Aber es hilft ja alles nichts. Mit Kindern lernt man schließlich auch, dass Verstecken nicht hilft. Irgendwann kommt die Wahrheit eh ans Licht. Da kann man auch gleich offen und ehrlich sein, endlich mal Transparenz schaffen und zugeben, wie das in der eigenen Familie so läuft.

Nehmen wir zum Beispiel das Schneiden von Fingernägeln. Kleiner Tipp: Falls Sie mal bei Eltern von Kleinkindern eingeladen sind und Ihnen die gute Stimmung im Haus gerade nicht zum grauen Wetter draußen passt, fragen Sie einfach mal nach, wie das mit den Fingernägeln bei den Kindern so läuft. Erstaunlich häufig haben Sie dann ganz plötzlich kein Problem mehr mit der Stimmung, sie ist nämlich dahin.

Damit sind wir auch prompt beim Dilemma. Denn ich traue mich kaum, es zu sagen, aber: Beim Nachwuchs hier im Haus ist das gar kein Problem. Zumindest nicht, wenn es darum geht, sie zum Schneiden der Fingernägel zu überreden. Ganz im Gegenteil. Lade ich mir zum Beispiel in meinem elterlichen Elan den Sohn auf den Schoß, um die Finger zu kürzen, kommt seine Schwester aus dem Nichts heran, wackelt kurz mit dem Po und stupst ihren Bruder so elegant beiseite, dass der Sitzplatz plötzlich ihr gehört. Ihre Maniküre darf beginnen. Manchmal stimmt’s sogar. Manchmal sind auch ihre Finger gerade fällig. Dann gönne ich ihr den Erfolg. Dann schneide ich eben ihre. Der Sohn schmollt währenddessen und sichert sich seinen Termin für den nächsten Tag. Neuer Tag, neues Glück, neues Schubsen. Morgen schmollt die Tochter. Nein, leicht ist das mit dem Fingernägelschneiden wirklich nicht. Aber ich möchte mich nicht beschweren.

Ich gehe mit den Kindern lieber Zähneputzen. Das ist schließlich auch ein beliebter Familiensport. Verständlicherweise, denn in seiner Vielschichtigkeit ist es wirklich beeindruckend. So lässt sich zuerst vortrefflich darüber diskutieren, ob nicht endlich mal wieder neue Zahnbürsten fällig wären, die Frage kommt hier gern täglich. Danach geht’s in die Verhandlungen, wer denn die Zahnpasta auf die Bürsten verteilen darf. Wehe, ich melde hier Interesse oder gar Bedarf an. Das hätte gar keinen Sinn, die Kinder würden es eh nicht erlauben. Selbst ist der Nachwuchs. Und wenn ich nur wenig später vorsichtig nachfrage, wem ich endlich die Zähne nachputzen dürfte, fliegen mir die wohlpräparierten Zahnbürsten nur so entgegen. Wer am schnellsten ist, darf den Mund öffnen und wird bedient. Das ist Sport, das ist knallharter Wettkampf. Hier gibt es quasi zweimal am Tag Survivaltraining vom Feinsten.

Etwas seltener bekommen die Kinder die Haare gewaschen. “Na klar!” sagen Sie da? “Das Geschrei möchte man schließlich nicht hören!” fahren Sie fort? Nun ja. Geschrien wird hier auch. Protestiert ebenfalls. Aber beides vor allem dann, wenn der jeweils andere einfach vor einem dran kommt. Wer in der Badewanne sitzt und zuerst Schaum auf den Kopf bekommt, hat gewonnen. Ganz ehrlich: Ich habe mir das als Spiel nicht ausgedacht. Obwohl es eine ganz hervorragende Idee gewesen wäre. Aber die Kinder waren einfach schneller. Sie haben ihren Waschehrgeiz ganz von selbst entwickelt.

Erklären kann ich das alles nicht wirklich. Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, kann es eigentlich nur an meinen ganz außergewöhnlichen Pflegefähigkeiten liegen. Was sollte denn sonst die Erklärung sein? Ich bin jetzt einfach mal ganz pragmatisch und biete den Service gern auch anderen Leidgeplagten an. Falls also irgendein Leser dort draußen Bedarf an Körperpflegediensten hat: einfach mal melden. Wir können da bestimmt etwas einrichten. Vielleicht sogar, ohne mit dem Po zu wackeln.