Lässigkeitsfaktor

Wir haben also Kindergeburtstag gefeiert. Mit einer Altersgruppe irgendwo im Zwischenraum von durchgeknallten Kleinkindern und wilden Teenagerpunks. Das ist jetzt sicher die Zeit der wohl friedlichsten Geburtstagsfeiern des Nachwuchses. Ever. Als Erziehungsberechtigte genießen wir das natürlich, sitzen daneben und schauen uns das Schauspiel an.

Zuhören sollte man jedoch lieber nicht. Denn macht man das versehentlich doch für einen Moment, merkt man schnell: es geht quasi nur um Wettrüsten. Das immerhin auf erstaunlich vielfältige Weise. Den Anfang machen natürlich die Geschenke. Die werten Kinder haben nämlich eine der grundlegenden Regeln des Lebens schon gut verinnerlicht: Verschenke nur, was Du auch selbst gern haben möchtest. So wechseln hier hauptsächlich Bücher, Lego- und Playmobilbausätze den Besitzer. Nicht jedoch ohne entsprechende Begleitkommentare, ob die Sachen entweder ganz toll sind, weil man sie selbst auch schon lange hat oder ob es sich hier nur um das kleine Einsteigerset handelt, man könne jedoch gern im Haus des Schenkenden einmal die fertig hochgerüstete Vollversion bewundern, das ließe sich sicher einrichten.

Davon, dass auch die Anzahl, die Größe, das Gewicht, der Automatisierungsgrad und sonstige Albernheiten der in den Büchern beschriebenen oder in den Bausätzen mitgelieferten Äxte, Morgensterne, Schwerter, Gewehre, Kanonen oder schlicht der Schutzschilder ausgiebig analysiert werden, reden wir jetzt lieber nicht. Die Faszination für diesen Unsinn ist zwar sehr sicher nicht genetisch bedingt, aber trotzdem nur schwerlich durch das besserwissende Erziehungspersonal im Haus beeinflussbar. Würden wir ordentliche Waffenkontrollen an unserer Eingangstür einführen, wie diese derzeit wohl selbst beim örtlichen Dorffußballverein üblich geworden sind, hätten wir sicher kleine Schreibtischtäter hier herumlaufen, die halt mit Bleistiften aufeinander schießen. Es ist nicht immer einfach.

Wir rufen sicherheitshalber die verbal immer weiter aufrüstende Meute zu Tisch. Dort können sie in Ruhe Kuchen mit Marzipanspinnen sowie hochgefährlichen Schlangen aus Gummitierchenmasse vernichten. Eines muss man der Jugend zugestehen: Sie schlägt sich tapfer. Und sie findet bei all den mutigen Taten noch Reserven, um Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen.

So tönt es plötzlich aus einer Ecke der Tafel: “Ich sitze nur noch auf einer Sitzschale!”

Als neutraler Beobachter ist man verdutzt. Man wundert sich. Man überlegt, wer die hauseigenen Stühle zwischendurch mit irgendwelchen Extras ausgestattet hat. Und man ist offenbar einfach nur zu langsam im Kopf. Das mitfeiernde Volk versteht sich auf Anhieb und wirft entsprechende Reaktionen in den Raum.

“Mein Kindersitz ist nur ganz klein, wirklich!”

“Ein Kindersitz? Ha! Ich habe nicht nur eine Sitzschale, meine ist auch ganz flach!”

“Bei meinem Opa darf ich auch auf einer Sitzschale sitzen. Nur meine Eltern meinen noch, dass ich einen Kindersitz brauche.”

Schlimm muss das sein. Was für ein hartes Los. Man könnte meinen, dass hier eine ganze Generation heranwachsender Vollblüter durch ihre sicherheitszertifikatsgeprägten Familienvorstände dauerhaft von jedwedem Evolutionsfortschritt befreit werden. Die Zielgruppe nimmt das auf jeden Fall zur Kenntnis und hat den Mantel des Schweigens, den man um derlei Peinlichkeiten hüllen sollte, schlicht noch nicht für sich entdeckt.

Liebe mitlesende Gadgetfreunde: Wenn Sie das nächste Mal irgendwelche Ausstattungsanschaffungen für den eigenen Nachwuchs planen, vergessen Sie nicht, den Lässigkeitsfaktor aus Sicht der Betroffenen mit in die Entscheidungsmatrix aufzunehmen. Stark gewichtet, versteht sich. Sie werden sonst zum Partygespött. Und das auf den eher harmloseren Geburtstagsfeiern.