Mordslesung

Bücher sind etwas Feines. Oder besser gesagt: Geschichten sind etwas Feines. Denn wer schon mal meine Kommentare zum Thema ertragen genießen durfte, weiß, dass ich bezüglich der rosigen Zukunft des gemeinen Verlagswesens eher zurückhaltend bin. Aber um diese großen Themen geht’s heute gar nicht. Heute geht’s um die kleinen Veranstaltungen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich ein paar der Veranstaltungslebenszeichen am literarischen Himmel der Südstaaten entdeckt. Es war bei beim Bücherbuffet. Und im Dunstkreis dieser Veranstaltung mäanderte ein Verlag herum, ein kleiner. Er nennt sich auch so: Der kleine Buchverlag. Wie es sich für einen solchen Laden gehört, veranstaltet er Lesungen. So behaupten es zumindest die Kollegen von mairisch. Und die müssen es wissen, bei ihren ganzen feinen Büchern. Der kleine Laden hier vor Ort hat ordentlich organisiert und zwei Schauspieler zum Lesen geholt. Eine gute Tat. Man sollte bloß nicht immer die Autoren lesen lassen. Das ist nämlich ein weiteres faszinierendes Element in dem ganzen Zirkus: erstaunlich viele Autoren können erstaunlich schlecht vorlesen. Selbst ihre eigenen Texte. Vielleicht auch: vor allem ihre eigenen Texte.

Hier haben wir also zwei Schauspieler: Farida Shehada und Georgios Tzitzikos. Jetzt, wo ich beide durch die Suchmaschinen schicke, fällt mir auf, dass ich damit tatsächlich gar nicht gerechnet habe: Dass es heute noch Medienschaffende gibt, welche keinen eigenen Webauftritt mitbringen. Man staunt immer wieder; zum Beispiel darüber, wie verdorben man von der eigenen Filterblase bereits ist. Aber möglicherweise sind Schauspieler auch genug mit ihrem Dasein auf den Bühnen der Welt beschäftigt. Da bleibt keine Luft für die Banalitäten des Onlinedaseins. Wir akzeptieren das mal. Und hören zu. Sie lesen nämlich nicht etwa Auszüge aus einem Roman. Sie lesen Kurzgeschichten. Krimikurzgeschichten, jeweils in sich abgeschlossen. Meistens in etwa 20 Minuten schön erzählt. Es sind tatsächlich kleine Singles, die in Summe zum Album werden. Konkret sind es hier zwei Alben, aus denen das Programm des Abends zusammengestellt ist. Aber das macht nichts. Das fließt trotzdem. Ich weiß gar nicht, ob das regulär als richtig tolle Literatur durchgeht. Aber das ist vollkommen egal. Die Geschichten des Abends sind knackig, auf den Punkt gebracht, spannend, lustig, schlicht: gut erzählt. Ich mag diese Form von Kunst. Ich mag Singles.

Die quasi obligatorische Paralleldiskussion zur Veranstaltung auf einem der üblichen Social Media-Kanäle offenbart übrigens hilfreiche Randinformationen. So erfahre ich ausgerechnet von einem Fotografen etwas über das epische Präteritum, welches sich durch den Abend schleicht, es ist ganz unheimlich. Vor allem, wenn man es ahnungslos zuhörend ertragen muss. Manchmal hat man es wirklich nicht leicht, so als Unwissender unter lauter Experten. Vorsicht bei der Wahl des Studienfachs, sage ich mal. Immerhin die letzte Geschichte des Abends wird im Präsens erzählt. Und sie wirkt. Wie beruhigend.

Gerne wieder.