Vom Medienwandel in den Augen der Jugend

Sonntage können auch als Familie und mit Kindern im Haus eine sehr lockere Angelegenheit sein. Alle schlafen in Ruhe aus, frühstücken gemeinsam in vollkommener Ruhe und planen die Entspannungen für den Tag. Im Schwung dieser ausgeglichenen Harmonie wird der Papa gelegentlich in den Wald entlassen. Einfach mal einen lockeren Spaziergang machen. Das tut gut. Das beruhigt die Seele. Das kann ich übrigens nur empfehlen. Nicht empfehlen kann ich, bei so einem Rundgang nonchalant auszurutschen, auch nicht auf wundervoll und ansehnlich drapiertem Herbstlaub, auch nicht, dabei kurz mit dem Fuß herzhaft umzuknicken, um anschließend wenig elegant zurück ins warme Wohnzimmer zu humpeln. Falls das doch mal passieren sollte, kann man sich dort immerhin angemessen für diese eigenen sportlichen Höchstleistungen und seine quasi unendliche Schmerztoleranz bewundern lassen. Das Leben als Familienvorsteher: es ist schließlich kein Leichtes. Da braucht es auch mal ein wenig positives Feedback. Aber was ist? Die Kinder sind gar nicht da. Alle weg.

Sie sind bei einem Freund in der Nachbarschaft. Sie erzählen nachher, was sie dort so treiben. Nämlich genau das, was der Freund am Sonntag um diese Zeit wohl des öfteren so treibt: sie gucken die neue Sendung. Das ist natürlich die Sendung mit der Maus, ganz klar. Bildungsprogramm also. Da lernt man richtig was. Und zum Glück tut Papas Fuß auch eine Stunde später noch weh. Mit dem Bewundern, Anhimmeln und Trösten klappt es leider trotzdem nicht. Denn der Sohn erzählt erst einmal ganz aufgeregt, dass sie zwar eine Sendung geguckt haben, das aber auf gar keinen Fall die aktuelle Folge war. Sie kam nämlich gar nicht im Computer, wie das zu Hause immer der Fall ist. Statt dessen mussten sie beim Kumpel die Maus mit so einem Fernseher gucken. Sehr suspekt. Das kann nur etwas Altes gewesen sein, eine Folge aus dem Archiv.

Wir werten diese natürlich trotzdem aus, reden darüber und bekommen irgendwann sogar die Kurve zu meinem dramatisch schmerzbelasteten Fuß. Das wird auch Zeit. Manchmal ist es wirklich nicht leicht, sich die angemessene Aufmerksamkeit und Wertschätzung in der Familie zu sichern.

Wenig später, es können nur Tage vergangen sein, sitzen wir im Auto. Das Radio läuft. Ausnahmsweise. Zu ertragen ist das nämlich nicht. Ich zappe entsprechend rege durch die Programme. Nur kurz vermögen es die meisten Sender, meinem über der Sendersuchlauftaste zuckenden Finger etwas entgegen zu setzen. Der Sohn schafft es trotzdem immer wieder verlässlich, sich zumindest einen kurzen Kommentar zu den jeweiligen Stücken abzuringen. Eines klingt wie Pippi Langstrumpf, eines wie Wickie und seine starken Männer und bei einem meint er nur ganz trocken: “jetzt wird’s ganz verrückt und klingt wie Ritter Rost.”

Ich schalte das Gerät lieber aus und wir unterhalten uns einfach gegenseitig. Bis der Sohn plötzlich feststellt, dass ich wie ein Pirat aussehe. Ich mache mir Sorgen, runzle mit der Stirn und frage dezent nach, ob er sich da nicht vertan hat. Später möchte ich noch ins Büro. Wer weiß, ob Piraten da wirklich als akzeptables Personal durchgehen. “Doch”, sagt der Sohn, “Papa, wie ein Pirat. Das sagt mein Freund in der Kita auch. Und er kennt sich mit Piraten aus. Wirklich. Er hat nämlich so ein ganz tolles Piratenbuch.” Ich nehme das für den Moment einfach mal so hin.

Und wir halten zusammenfassend fest: Fernsehen ist eine veraltete Technologie, die man gar nicht wirklich ernst nehmen kann. Das Radio bietet einen Katzenjammer gegen den sogar die MP3-Sammlung von mir Gold wert ist. Und wahres Wissen kommt aus Büchern.

Der Medienwandel in den Augen der Jugend: Er sieht ganz anders aus als wir uns das vielleicht so vorstellen. Sorgen mache ich mir jedoch keine, nichtmal an entspannten Sonntagen.