Wunschlos glücklich

Herbstzeit ist Kuschelzeit. Da es jetzt draußen quasi ganztägig stockdunkel ist, rücken wir drinnen näher zusammen und machen uns erstmal ein paar Kerzen an. Das bringt nicht nur Licht, das bringt auch Gemütlichkeit und etwas Training für den Weihnachtsbaum. Machen wir uns mal nichts vor: Die Zeit ist reif. Es ist wieder Saison. Die Einen zählen die Tage bis zum Fest. Andere arbeiten genussvoll an ihrem Winterkörper. Und ein paar üben das möglichst beiläufige Ausblasen von Kerzen, ohne dabei übermäßig dramatische Kollateralschäden zu verursachen. Die Kinder zum Beispiel.

Sie sind fleißig bei der Sache. Es gibt kaum eine Mahlzeit, bei der sie nicht peinlich genau darauf achten, dass zusätzlich zum möglichst stilvoll gedeckten Tisch auch wenigstens zwei Kerzen bereitgestellt und angezündet werden. Wer glaubt, dass damit das herbstliche Stimmungsgefüge ins rechte Licht gerückt werden soll, irrt natürlich gewaltig. Nein, es geht um Größeres. Es geht um zwei Sachen. Klarerweise als Erstes natürlich um die Frage, wer hier welche Kerze endlich wieder auspusten darf. Und als Zweites geht es absolut beiläufig darum, auf dem Weg dorthin die Toleranz und Belastungsfähigkeit der anwesenden Erziehungsberechtigten zu testen, indem sämtliche Warenbewegungsmanöver rund um die Nahrungsaufnahme so arrangiert werden, dass mindestens einer der Kerzenständer leicht ins Wanken gerät. Das sorgt für Stimmung, hält die Gespräche im Gange und garantiert somit die familiäre Interaktion beim gemeinsamen Essen. Wie schön.

Irgendwann ist es letztlich doch immer soweit. Irgendwann ist das Mahl beendet und die Kerzen möchten ausgepustet werden. Meistens darf jedes der Kinder bei einem der Flammenwerfer ran. Gerechtigkeit wird gemeinhin zwar überbewertet. Aber manchmal sind wir hier im Haus gar nicht so und leben sie auch ein Stück weit. Selbstverständlich kann sich jeder beim Kerzeauspusten auch etwas wünschen. Traditionen entstehen schließlich nicht aus dem Nirwana. Sie wollen behutsam eingebracht werden. Da Kinder in ihrem Enthusiasmus auch nicht immer an alles denken können, erinnern wir sie gelegentlich gern. Die Tochter hat beim ersten Mal sogar kurz inne gehalten und auf die Frage, ob sie sich auch etwas gewünscht hat, zurückhaltend mit einer “Nachtisch?”-Gegenfrage geantwortet. Seit dem darauf folgenden dezenten Hinweis, dass wir mit dem Essen doch längst fertig seien, ist das Thema für sie jedoch durch.

Ihr Bruder ist etwas euphorischer bei der Sache. Nach einem anfänglich skeptischen Blick denkt er sich schnell: “Sie meinen das wohl wirklich ernst.” Und holt längst vergessen geglaubte Bastelkartons hervor, aus welchen er die Einzelteile jetzt gern zusammengesetzt bekommen möchte. Die Eltern des Hauses stellen spontan fest, dass sie irgendwie vergessen haben, das Detail des Nichtverratens der Wünsche adäquat kund zu tun. Aber irgendwas ist ja immer. Erziehung ist echt keine leichte Sache. Für den Moment bedeutet das: gewünscht, gesagt, getan. Bastelkiste leer, Modell aufgebaut. Nur gut, dass wenigstens ein Elter hier im Haushalt praktisch veranlagt ist.

Nach diesem Auftakt harren wir natürlich gespannt der Dinge, die jetzt folgen mögen. Wenn so ein Kind erst einmal die Initialzündung erhalten hat, entwickelt sich ganz leicht eine Eigendynamik, die man nur schwer wieder in den Griff bekommt. Aus der Idee des stillen Wunsches kann hier leicht die Explosion eines kreativen Brainstormingprozesses werden, welche allein durch ein fünfjähriges Kind verursacht wird und keines schlecht moderierten Teams von zehn Erwachsenen mit Post-Its vor einem Flipchart bedarf, die dort ihrer Midlife-Crisis entgegensteuern.

Wir machen uns also Sorgen. Vollkommen umsonst. Denn schon am zweiten Tag der Kerzensaison stellt der Sohn fest: Es sind keine Wünsche mehr da. Man sieht ihm die Mühe richtig an, die er sich geben muss, um nicht einfach immer nur “Gummibärchen” und “Buch lesen” zu sagen. Wir hören schnell auf zu fragen und stellen lieber eine Kerze extra auf den Tisch. Was macht man nicht alles. Für die Kinder.

So. Und jetzt sind wir alle bitte mal ganz ehrlich: Wann haben wir diesen Zustand des zen-gleichen Glücks ohne sinnfreie Wunscheskapaden zuletzt selbst erlebt? Wenn Sie jetzt richtig brutal ehrlich sich selbst gegenüber sind, geht’s Ihnen bestimmt wie mir: Sie erinnern sich nicht mehr daran.

Das dachte ich mir.

Man soll über die Wünsche bekanntermaßen gar nicht viel reden. Aber ich schlage trotzdem mal vor, dass wir bei der nächsten Kerze alle etwas mehr meta sind, uns weniger wünschen und lieber mehr kuscheln. Wie früher, in den alten Zeiten. Die waren bekanntlich eh besser.