Stille

Das Leben mit Kindern, es ist kein Leises. Am Anfang schreien sie den ganzen Tag laut rum oder schlafen. Mit etwas Pech schnarchen sie dabei. Später fangen sie dann an zu reden. Man versteht sich dadurch zwar besser, es wird aber nicht unbedingt leiser. Wer schon mal ein Kind erlebt hat, welches zwingend, sofort und mit Nachdruck etwas mitteilen wollte, wird der Redewendung des sich-in-etwas-Reinsteigerns eine vollkommen neue Bedeutung zuschreiben. Obendrein lernt der Nachwuchs irgendwann auch noch Laufen. Leider nicht automatisch im Stil des leise sich anschleichenden Indianers, eher in der Variante des eiligen Elefanten. Das alles ist nicht per se verwerflich. Das muss schließlich so. Aber all jene von uns, die mit einem sensiblen Gehör gesegnet sind, nehmen es doch zur Kenntnis. Still meist. Und im Stillen prangern wir an.

Meistens. Bis auf die Momente, in denen die Erziehungsader pulsiert. Dann sagt man doch mal etwas. Dann pssstet man den Nachwuchs an, dann turnt man ihnen vor, wie leise die Navigation sogar durch die heimische Wohnung machbar ist, dann unterhält man sich mit ihnen in einer Lautstärke, bei der sie erstaunt feststellen, dass man sich tatsächlich versteht, ganz ohne ersteinmal die Ohren in Watte packen zu müssen. Mit dem Lärm ist es letztlich wie mit dem Licht am Morgen: es gehört irgendwie dazu, aber die Dosierung will wohlüberlegt sein. Also erzählt man, zeigt man, erzieht man. Das harmonische Miteinander möchte schließlich trainiert sein. Steter Tropfen höhlt bekanntermaßen den Stein.

Plötzlich spricht die Dame von Plänen. Reiseplänen. Es geht um freie Tage, das Nutzen eben dieser. Ich höre etwas von Gelegenheiten und beim Schopfe greifen. Das Gute an all dem ist: Sie erzählt es ruhig und besonnen. Das muss Liebe sein. Ich schaue sie an, ich himmle sie an. Und werfe doch noch einen Blick auf den Kalender. Von Anhimmeln kann da keine Rede mehr sein. Ich sag’s mal so: Schlussendlich habe ich ein paar Tage sturmfrei. Bei aller Dramatik ist das nicht nur schlecht. Wir hatten das ja schon mal: endlich ungestört arbeiten. Oder ehrlicher formuliert: endlich ungestört prokrastinieren, ohne dass es jemand mitbekommt und später haarklein aufbereitet aus der Schublade holen kann, wenn man selbst larmoyant in der Ecke liegt und wimmernd von Deadlines in der Vergangenheit stammelt.

Sturmfrei heißt obendrein: endlich ist es mal vollkommen ruhig im Haus. Niemand trampelt, niemand brüllt, niemand überfällt einen aus dem Hinterhalt. Einfach nur entspannte Ruhe. Der Sohn sieht es übrigens recht ähnlich und sagt am Abend vor der Abfahrt: “Wir fahren alle, aber ohne den Papa. Dann haben wir es wenigstens ruhig.”

Er meint es bestimmt gut.