Aus dem Regal: Abgeschnitten von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos

Ein Roman von zwei Autoren also. Warum nicht, kann man alles ruhig mal ausprobieren. Nicht immer nur in ausgefahrenen Bahnen gleiten, nicht immer nur in den üblichen Strukturen denken, nicht immer nur lesen, was es immer schon zu lesen gab. Der Ruhestand kann schließlich noch warten. Also immer her mit den Experimenten.

Aber: Warum musste es unbedingt eine Mischung aus Krimiautor und Rechtsmediziner sein? Und warum hat niemand vorher gesagt, in welcher Art martialischer Metzelei diese Mischung letztendlich münden muss, quasi zwangsläufig?

Aber der Reihe nach. Denn vielleicht habe ich ja selbst nicht gleich richtig aufgepasst und hätte die Zeichen von Anfang an richtig deuten können. Denn die Geschichte geht damit los, dass ein leichenaufschneidender Rechtsmediziner aus einem der Körper, mit denen er so hantiert, einen wohlverpackten Zettel herausfischt, auf dem ihm eine Botschaft übermittelt wird. Im zivilen Kontext nennen wir so etwas meist Glückskeks. Das trifft den Kern hier in der Geschichte natürlich nicht so ganz. Hier ist es eine Nachricht seiner Tochter mitsamt Mobilfunknummer, hinter der ein Anrufbeantworterspruch wartet, der auch nicht gerade vor Charme sprüht. Die junge Dame ist nämlich verschwunden. Entführt, versteht sich.

Und damit geht die Jagd auch los. Ein Mann fängt an, seine Tochter zu suchen. An seiner Motivation und Durchschlagskraft braucht man für den Rest der Geschichte nicht mehr zu zweifeln. Die sind jetzt einfach glasklar und eh gegeben. Hinzu kommt noch ein engagierter Jungunternehmer, der ihm mehr zufällig anbei gestellt wird. Et voilà, haben wir ein Team, welches schlau, unerbittlich und finanzstark ist. Was will man mehr? Damit lässt sich jedes Rätsel lösen.

So klappt es letztlich auch hier. Natürlich. Und selbstverständlich mit den nötigen Umwegen. Die Handlung fängt zwar in Berlin an, spielt aber in großen Teilen auf Helgoland. Das gibt sympathische Bonuspunkte. Helgoland ist schließlich super. Wasser und Inseln gehen ja immer. Als fluchtwegarmer Hochseestandort ist das Plätzchen der Hort des Grausamen, versteht sich. Hier lauert quasi hinter jeder Ecke der totale Schrecken und hier liegen die Leichen nur so in der Gegend herum. Gleichzeitig tobt drum herum ein sportlicher Orkan. Sowohl ein Hin- als auch ein Wegkommen ist damit unmöglich. Hier gibt’s kein Entkommen. Hier gibt’s keine Hilfe. Bitte gruseln Sie sich jetzt.

Rund um das Gruseln liefert dieses Buch übrigens handwerkliche Feinarbeit. Die Kapitel werden mit aufregenden Cliffhangern abgeschlossen. Spuren werden gelegt und führen meist in die Irre. Der Leser wird ständig in irgendwelche gedanklichen Richtungen geschubst, die sich natürlich meist als vollkommen abwegig herausstellen und letztlich ganz schlicht falsch sind. Die Auflösung kommt entweder in Form einer neuen Leiche oder als eines der Details der diversen Hinrichtungen, von denen ich lieber nichts zitiere. Wir sind hier schließlich auf dem Familienkanal, hier geht es jugendfrei zu.

Ganz ehrlich, was soll ich sagen? Augenscheinlich bin ich zu weich für solch ein Drama. Obwohl – oder gerade: weil – es nach allen Regeln der Krimikunst und Spannungsbogengestaltung perfektioniert ist. Nicht auszuhalten, dieser Nervenkitzel.

Aber immerhin das mit Helgoland ist doch eine Idee. Nach Helgoland könnte man ruhig mal wieder fahren. Jetzt, nachdem die Ganoven alle geschnappt und wieder auf dem Festland sind.