Demokratische Grundrechte

Wir leben in einer Demokratie. Wir haben’s quasi geschafft und den Olymp der politischen Freiheit erklommen. Es nicht nicht mehr wie zu den Urzeiten, in denen irgendwelche willkürlich erkorenen Tyrannen einfach die Regeln des alltäglichen Zusammenlebens bestimmt haben. Nein, heute haben wir ein System, bei dem wir alle mitbestimmen können. Ein System, in das wir uns einbringen können. Eines, bei dem wir nicht einfach nur Marionetten an der Hand ahnungsloser Nichtstuer sind, sondern Akteure, welche die Richtung bestimmen, anstatt nur an der Leine hinterher zu taumeln.

Oder so ähnlich.

Jedenfalls haben wir die Wahl. Alle vier Jahre auf’s Neue entscheiden wir mit, wer uns sagen soll, wo es lang geht, damit wir selbst uns bis zur nächsten Ankreuzerei aus allem heraushalten können. Gerade hatten wir es wieder. Vor einigen Tagen war Wahl. Und ein paar gingen sogar hin, machten ein Kreuz oder zwei und sorgten nach der Auszählung dafür, dass sich quasi alle anderen gefragt haben, was das denn jetzt sollte. So richtig zufrieden mit dem Ergebnis scheint kaum jemand zu sein. Ein Jammern geht durch’s Land. Ein Jammern darüber, dass die anderen alle anders abgestimmt haben als man selbst. Es ist suspekt. Nach Äonen der hinterwäldlerischen Abhängigkeit haben wir endlich die Chance zur Mitbestimmung und verstehen nicht, sie zu unserem Glück und Vorteil zu nutzen. Stattdessen stürzen wir uns in ein Drama, welches sich für die nächsten Jahre nur unter Zuhilfenahme von bewusstseinserweiternden Drogen ertragen und schönreden lässt. Aus genau diesem Grund ist übrigens der gewöhnliche Stammtisch entstanden, falls sich das schon mal jemand gefragt haben sollte.

Aber ist das Alles denn ein Wunder? Lernen wir es denn besser? Bekommen wir jemals sinnvoll mitgegeben, wie das mit der Wahl korrekt abläuft? Können wir das vielleicht irgendwo mal üben, ohne gleich katastrophalen Schaden anzurichten? Können wir irgendwo die Spannbreite dessen erfahren, was es heißt, die Wahl zu haben, sich für eine der Alternativen zu entscheiden und mit dem Ergebnis schließlich zufrieden und glücklich zu leben?

Gucken wir doch mal zu denen, die der Sache noch unbelastet gegenüber stehen. Gucken wir mal, wie die Lage bei unseren Kindern so aussieht.

So sitze ich heute zum Beispiel mit dem Sohn zusammen. In einem Gespräch von Mann zu Mann. Wir sitzen in der Sonne und lassen die Beine baumeln. Wir werten den Tag und sein bestimmendes Weltgeschehen aus. In der Kita haben sie zum Beispiel seit heute ein neues Thema. Das ist eine Art übergeordnetes Motto, welches sie benutzen, um verschiedene Aktionen zu starten, passende Spiele zu spielen und den Teamgeist zu stärken. Das neue Motto wird per Abstimmung beschlossen. Die Kinder haben also die Wahl. Wie großartig ist das denn? Um Personen geht es dieses Mal. Es geht dieses Mal darum, wessen Abenteuer nachgespielt werden, in wessen Rolle die Kinder jeweils schlüpfen können, wessen Lieder gesungen werden. Zur Wahl angetreten sind Pippi Langstrumpf und Wickie, der Wikinger.

Ganz lässig sitzt der Sohn da, lässt die Beine schwingen und erzählt, dass Pippi gewonnen hat. Super sei das. Den Titelsong kennt er eh schon auswendig. Als Pferd und Affe kann er sich jetzt endlich verkleiden. Der Sohn ist zufrieden. So eine Wahl findet er gut.

Ich frage ihn, ob er dann wohl auch für Pippi gestimmt hat.

Ganz entsetzt guckt er mich an. Die Frage ist wohl vollkommen abwegig. Er sagt: “Nein, Papa. Ich habe doch für Wickie gestimmt! Aber nicht, weil ich den toller finde. Ich habe das nur gemacht, damit wir mehr verschiedene Themen haben. Wenn alle gleich wählen, ist das ganz langweilig. Aber es ist ganz gut, dass Pippi gewonnen hat. Die finde ich auch viel besser.”

Tja, ich sag’s mal so: Der Sohn hat das Prinzip der demokratischen Wahl bereits vollumfänglich verstanden. Ein Hoch auf die Kita. An der Jugend scheitert es nicht. Den entspannten Umgang mit hart erkämpften demokratischen Grundrechten verlernen wir irgendwann später, irgendwann beim erwachsen werden. Der Nachwuchs führt uns ahnungslose Erwachsene einmal mehr gnadenlos vor.

Bei der Wahl haben wir die Chance auf zwei Stimmen, jeweils mit einem Kreuz. Hier im Haushalt wohnen zwei Kinder und ich habe spontan eine Idee, wer meine beiden Kreuze in vier Jahren möglicherweise setzen darf.