Berufswunsch (20). Oder: eine Sportlerkarriere

Die Südstaaten sind ein aufregendes Pflaster. Gelegentlich ist hier richtig was los. An diesem Wochenende sind es zum Beispiel organisierte Stadtrundläufe. Richtig: im Plural. Da ist wirklich für jeden etwas dabei. Ob groß, ob klein, ob schneller Fuß oder langsamer Schritt: Man zeigt sich anpassungsfähig und bietet für jeden etwas an. Inklusive Wohngegend, kann ich da nur sagen.

Heute waren wir bei einem sogenannten Mini-Marathon. Es ist schließlich nicht so, dass die Kinder hier keinen Auslauf bekommen. Wenn das Rahmenprogramm stimmt, dürfen sie nicht nur an die freie Luft, sie dürfen sich dort sogar bewegen und richtig herumlaufen. Das mit dem Rahmenprogramm ist übrigens durchaus ernst gemeint. Denn wie es sich für ordentlich organisierte Veranstaltungen gehört, wurde natürlich einiges geboten. Es war ein richtiges Volksfest mit dem Laufereignis als krönendem Abschluss.

Wie es sich für ein Volksfest gehört, haben wir die einzelnen Stationen ordnungsgemäß absolviert. Vom thematisch geprägten Shop-till-you-drop ging’s direkt zur kulinarischen Zwischenstation über. Es gab Pasta. Was sonst? Große Erfolge wollen adäquat vorbereitet werden. Ohne eine solide Grundlage kann es keine soliden Ergebnisse geben. No Pasta, no Bestzeit. Ganz klar. Das haben auch die beiden Sportler der Familie noch problemlos eingesehen. Die notwendige Überzeugungsarbeit hielt sich in Grenzen. Nudeln gehen halt immer.

Schwieriger ist die Lage schon draußen auf dem Feld. Dort, wo das harte Leben spielt. In der Arena, in der nur Leistung zählt. Im Stadion also. Wer schon mal auf Wochenendveranstaltungen mit sportlichem Hintergrund war, weiß, wie das gemeinhin so läuft: Man trifft sich, man guckt wissend, man hängt 90 Prozent der Zeit einfach nur herum und versucht dabei, eine möglichst gute Figur abzugeben. Wichtig ist es, sich auf gar keinen Fall anmerken zu lassen, dass sich die Zeit zwischendurch auch mal etwas zieht, dass man selbst die Organisation natürlich um Klassen besser hinbekommen hätte, dass man streng genommen natürlich weiß, dass diese Einbildung auch nur eine Illusion ist, dass die Leistungen der anderen furchtbar schwer beeindrucken und man plötzlich denkt, dass man im Vergleich zu all denen womöglich gar keine Chance hätte. Das ist alles ganz absurd. Nichts davon steht überhaupt zur Debatte. Wenn also der Nachwuchs vor seinem eigenen Lauf immer ruhiger wird und betreten in die Gegend starrt, liegt das selbstverständlich an der mentalen Einstimmung auf die eigene Leistungsshow und auf gar keinen Fall daran, dass hier jemand gerade überlegt, wie er aus der Nummer vielleicht wieder herauskommen könnte. Natürlich nicht.

Irgendwann laufen sie dann. Alle beide. Der Sohn vorweg. Die Tochter mit der Dame an der Hand hinterher. Wahrscheinlich möchte die kleine Dame sicher gehen, dass sich die große nicht mit voll peinlichen Motivationssprüchen beim Danebenstehen blamiert. Wie es sich selbst für den modernen Mann von heute gehört, feuere ich hingegen alle kräftig an. Die dicken Backen des Sohnes nach der Hälfte der Strecke verschwinden prompt, als er mich auf dem Besucherradar erkennt. Mit stolz geschwellter Brust kämpft er sich bis zur Ziellinie durch. Kurz dahinter nehme ich einen hochroten Kopf in Empfang, der sprachlos auf seine frisch gewonnene Medaille zeigt. Irgendwann gesellt sich auch die Tochter dazu. Sie schaut erstaunlich ausgeruht drein. Das Mädel ist clever, wer weiß also, was sie unterwegs alles so angestellt hat.

Aber irgendwann haben alle genug Luft getankt. Irgendwann können alle auch wieder reden. Ich bin mir nur nicht sicher, ob die Lage dadurch besser wird.

Eine der ersten Fragen des Sohnes ist die, ob eigentlich auch noch irgendjemand vor ihm ins Ziel gelaufen ist, oder ob er wirklich Erster war. Nach der Antwort wechselt er spontan das Thema.

Auf die elterliche Anmerkung, dass übrigens auch Kameras am Wegrand waren, meint er nur lapidar: “Auf denen bin ich bestimmt nicht zu sehen, weil ich ja viel zu schnell war.” So geht’s auf einmal munter weiter. Mit jedem Mal darüber reden wird der Sohn ein wenig schneller. Und da wir für den Rest des Tages quasi keine anderen Themen haben, kann man sich vorstellen, welche Rakete hier am Abend plötzlich treibstofflos ins Bett fällt.

Eins steht aber immerhin fest: Hier im Haus hat heute jemand den Sport für sich entdeckt. Und falls sich das mit dem Laufen auf Dauer nicht bewähren sollte, wird der Sohn einfach Angler. Das passende Vokabular zur bescheiden zurückhaltenden Dokumentation der Fangergebnisse hat er auf jeden Fall schon drauf.