Ruhe, absolute Ruhe

Das Leben mit Kindern ist nicht immer ein Leichtes. Vor allem ist es nicht immer ein Ruhiges. Das sagt einem vorher auch niemand. Zumindest nicht in der angemessenen Deutlichkeit. Gelegentlich reden Leute davon, dass die ganz kleinen Babies gern mal Krach machen. Vor allem nachts. Wir kennen die Sprüche: Echte Papas brauchen keinen Schlaf! Ha ha. Schon klar. Aber was soll’s? So richtig kleine und schreiende Babies sind die Nachwüchsler nicht ewig. Das geht schnell vorbei.

Nur der Lautstärkepegel, der geht nicht. Damit meine ich jetzt auch nicht das sporadische Freudengeheul, welches die Kinder beim Treffen ihrer Spielkumpanen im Kindergarten ausstoßen. Das sind lokale Pegelspitzen. Über die hören wir hinweg. Und ich sage das jetzt nicht nur, weil sich die Einrichtung knapp außerhalb der Hörreichweite befindet. Natürlich nicht.

Nein, ich meine den ganz alltäglichen Geräuschwahnsinn, welcher zusammen mit den Kindern hier eingezogen ist. So ist es zum Beispiel ein steter Quell der Überraschung, wenn man mit einem der Kinder gemütlich zusammensitzt, ein Buch auf dem Schoß hält, daraus vorliest und gemeinsam in die Geschichte abtaucht. Tief drin ist man in dieser und leise raunt es “Oh” und “Ah”, wenn die kleinen Wendungen sich durch den Handlungsstrang schlängeln. Bis plötzlich jemand lautstark “GUCK MAL PAPA, EINE MAUS!” ins Ohr des Vorlesenden brüllt, nur weil sich irgendwo auf der aktuellen Seite tatsächlich so ein kleines Mistvieh in einem Bild versteckt hat.

Gern kann man auch mit den Kindern etwas Zeit im Bad verbringen, wo sie auf ihren Höckerchen sitzen und sich selbst im fortgeschrittenen Kinderalter noch gern die Zähne von anderen putzen lassen. Denn dadurch haben sie beide Hände frei und können einem voller Elan zeigen, auf wieviel verschiedene Arten sich Trommelgeräusche mit besagtem Höckerchen fabrizieren lassen. Es sind genau sechs und ihre jeweilige Lautstärke steigt der Reihe nach stückweise an. Übrigens auch dann noch, wenn man die Übung mehrere Male wiederholt. Klingt irrsinnig? Ist es nicht. Glauben Sie mir ruhig, ich habe die Vorstellung schon mehrmals besucht.

Und so ließen sich die Beispiele fortsetzen. Aber wir wollen uns nicht mit schnöden Aufzählungen langweilen. Vielmehr wollen wir gegensteuern. Und wissen zum Glück sehr gut, wie man das am Besten macht. Es ist eine alte Erziehungsweise: Lieber einmal vorgelebt als tausendmal heraufbeschworen. Wir schreien möglichst selten, wir trampeln nicht wild durch die Gegend, wir hämmern nicht fortwährend mit der Suppenkelle auf den Töpfen herum. All das heißt natürlich nicht, dass wir Erziehungsberechtigten hier im Haus nicht auch gelegentlich den Hinweis an unseren Nachwuchs weitergeben, dass eine Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht gar nicht zwingend mit maximal möglichem Lautstärkepegel geführt werden muss. Wir bringen unsere Erziehungsziele durchaus multimodal zum Empfänger. Steter Tropfen höhlt bekanntermaßen den Stein. Der ruhige und ausgeglichene Umgang miteinander ist uns das wert.

Und es zeigt Wirkung.

So kam der Sohn kürzlich voller Stolz nach Hause und sagte: “Papa, in der Kita war ich heute so leise, ich habe nicht einmal geatmet.”

Das ist im Ansatz sehr löblich. Aber man wird dann doch kurz nervös. Haben wir es in der Darstellung des akustisch entspannten Verhaltens vielleicht doch übertrieben?

Der Sohn sieht zwei sprachlose Eltern, welche ihn mit großen Augen anschauen und ergänzt: “Aber gelebt habe ich trotzdem.”

Puh, Glück gehabt. Beim nächsten Zähneputzen darf er zur Belohnung auch einmal kurz mit den Füßen melodisch im Rhythmus stampfen.