Aus dem Regal: Die Wand von Marlen Haushofer

Es gibt so Geschichten, die jeder kennt. Oder meint, zu kennen. Die von Robinson auf seiner Insel zum Beispiel. Auf der er gestrandet ist, umgeben von Wasser, ohne Chance auf ein Entrinnen. Oder gelang ihm am Ende etwa doch die Flucht? Tja, ganz genau: Das ist die Frage, an der manche von uns letztlich scheitern, auf die sie nur dann mit Sicherheit eine Antwort wissen, wenn sie noch einmal nachlesen – sei es im vollständigen Titel des Buches, im Originaltext oder einfach in der Wikipedia. Ich nehme mich da gar nicht aus. Ich habe den Link eben selbst nachgeschlagen. Jetzt sag‘ mir bitte niemand, dass ich in meiner Ahnungslosigkeit komplett allein bin. Die meisten Leser hier kennen sich natürlich besser aus als ich. Keine Frage. Aber lasst mich bitte nicht ganz allein. Ein wenig Hoffnung soll schließlich jedem von uns bleiben.

So denkt der wohlmeinende Leser des Buches hier möglicherweise auch. Die Wand umzingelt großzügig eine Frau, welche dadurch zum Robinson im Wald wird, mitsamt mehreren Jagdhütten und mindestens einer Alm. Reingekommen in den Wald ist unsere Frau noch ganz normal: in einem Auto, mit Freunden zusammen. Wieder raus aus dem Wald kommt sie nicht. Wegen der Wand, welche über Nacht auf einmal auftauchte, während die Freunde einen Ausflug machten. So weit, so gut, wäre die Wand nicht nur unsichtbar, sondern auch augenscheinlich unendlich und unüberwindbar. Das ist echt zum Verzweifeln: allein, im Wald, ohne Ausweg. Man wünscht der Dame wirklich, dass es alles nur ein Traum ist, sie einfach aufwacht und zack: alles ist wieder, wie es sich gehört. Inklusive Anschluss an die allgemein gängige Zivilisation.

Der Wunsch erübrigt sich jedoch relativ fix. Die Frau erzählt die Geschichte zwar retrospektiv, jedoch nur als schriftlich verfassten Bericht, aufgeschrieben auf allen verfügbaren Papierresten, die sie so auftreiben kann. Was sie sonst noch so auftreiben kann, sind Tiere diverser Art: eine Kuh (zwischendurch mal zwei), diverse Katzen, ein Hund. Aber eben kein weiterer Mensch. Bis irgendwann doch mal einer auftaucht und die Geschichte damit quasi zum Ende kommt, wenn auch nicht unbedingt so, wie man naiv meinen könnte.

Somit dreht sich die Geschichte letztlich genau hierum: die Protagonistin, ihre Tiere, das Leben im Wald und die alltäglichen Dramen, die sich aus diesem Mix ergeben. Klingt harmlos? Könnte es sein. Aber sind wir doch mal ehrlich: ein paar Jahre im Wald, allein, gegen die Widrigkeiten der Natur kämpfend: die meisten Alltagskünstler unter uns würden einfach verrückt werden. Da empfiehlt es sich doch eher, harmlos in diesem Buch zu lesen und jemand anderes beim Leiden zuzusehen. Vor allem, wenn es auch noch gefühlvoll und eingehend geschrieben ist.

Eine schöne Geschichte. Bei aller Dramatik.