Selbstkritik

Kindererziehung ist ein knallharter Job, der sich idealerweise irgendwann selbst überflüssig macht. Denn wir wissen doch alle: Es geht gar nicht nur darum, dass Kinder einfach blind die eigenen und wohl überlegten Befehle befolgen. Natürlich nicht. Sie sollen das nämlich auch noch gern und aus eigener Überzeugung heraus tun.

Der Weg dahin ist manchmal steinig. Man kennt das ja: Die Kinder haben durchaus einen eigenen Kopf. Am Anfang kommt Geschrei aus diesem heraus. Später wird es klarer artikulierter Widerspruch. Immerhin in ganzen Sätzen formuliert. Nein! zum Beispiel. Oder: Niemals! Je nach elterlicher Ansage gibt es jedoch auch Variationen, die wie ein Doch! klingen.

Da muss man durch. Wer zu schnell bei kleinstem Widerstand aufgibt, wird dafür langfristig zahlen, ganz klar. Eventuelle Schwächen der Eltern erkennt der Nachwuchs nämlich sehr gut. Da passt man einmal nicht richtig auf und ruck-zuck gibt es neue Sitten im Haus, die man nicht wieder los wird. Das mag im Kleinen gut und schön sein. Zumindest die Illusion einer freien Meinungsbildung sei auch dem Nachwuchs ruhig gegönnt. So ist’s ja nicht. Ob’s nun die Kleiderwahl am Morgen oder sogar der Wunsch nach der korrekten Zahnpasta ist: Lassen Sie die Kinder ruhig mal machen. Zeigen Sie Ihre Großzügigkeit bei den kleinen Dingen des Alltags. Dann haben Sie genug Spielmasse, um bei den wirklich wichtigen Fragen die Oberhand zu behalten. Ich verrate Ihnen eines: Es wird nicht einfach. Aber: Es lohnt sich. Und zack, sind Sie den ganzen Alltagsstress mit den Kleinen quasi los. Pünktliches Aufstehen am Morgen klappt ebenso wie korrektes Schlafen am Abend, die Kleiderwahl erfolgt ganz automatisch und korrekt, die Zähne sind laufend blitzblank geputzt, die Tischsitten akkurat, die Hände vorher ordentlich gewaschen, die Zeitung immer ordentlich apportiert, das Bier kalt gestellt. Na, oder so ähnlich.

Und ob Sie erfolgreich sind oder nicht, verrät Ihnen die Zielgruppe ganz von selbst. Wenn auch nicht immer ganz bewusst und freiwillig. Wie zum Beispiel der Sohn des Hauses, welcher beim Abendessen genüsslich bei den Oliven zugeschlagen hat, sich danach gerade schmatzend die Finger ablecken möchte und voller Entsetzen feststellt:

Ey, welcher Dummkopf hat mir eigentlich die Hände nicht gewaschen? Ohh.

Nur an der Eleganz arbeiten wir noch.