Berufswunsch (19)

Kinder sind knallharte Verhandlungskünstler. Wer keine Kinder hat und glaubt, dass er im Alltag oder Beruf mit gnadenlosen Verhandlungsgegnern konfrontiert wird, hat das Leben noch nicht gesehen. Kinder stellen das bisschen Verhandlerei, welches wir normalerweise so um uns herum vorfinden, locker in den Schatten. Dabei fängt alles ganz harmlos an.

Denn den puren Hang zur eigenen Meinung und eigenen Wünschen entdeckt der Nachwuchs relativ fix. Das kennen wir sicher alle: Schokolade hier, Gummibärchen da, Baggergucken dort. Das kommt ganz von selbst. Das wollen die meisten Kinder. Und dieses Bedürfnis vermitteln sie mal etwas dezenter, aber auch mal etwas deutlicher. Während sie das eine Mal einfach nur höflich nachfragen, wann es denn mit der Wunscherfüllung endlich so weit sei, werfen sie sich ein anderes Mal laut schreiend auf den Boden und hämmern dermaßen vehement auf ihn ein, dass man meinen könnte, er kommt gleich hoch, um ihnen bei der Wunscherfüllung persönlich zur Seite zu stehen.

Irgendwann werden die Kinder jedoch älter. Irgendwann geht es nicht mehr nur um die Befriedigung von elementaren Grundbedürfnissen. Irgendwann kommt zum Beispiel die Bequemlichkeit dazu. Dann muss man natürlich auch geschickter argumentieren. Sonst spurt das Personal einfach nicht. Sonst machen die Eltern nicht das, was man von ihnen möchte. Das wissen die Kinder auch. Ich weiß gar nicht, woher genau. Aber ich kann mich tatsächlich nicht daran erinnern, dass sie sich beispielsweise laut schreiend auf den Boden geworfen haben, damit man ihnen das Frühstücksbrötchen schmiert, obwohl sie das auch ganz hervorragend selbst erledigen könnten.

Nein, an solche Dienstleistungen muss man sich geschickter heran tasten. Der Sohn hat das schon perfektioniert. Er sitzt ganz unauffällig am Tisch und beginnt den Tag damit, in eleganter Form mit seinem Messer eine dezente Kostprobe aus dem frisch geöffneten Glas der Nussnugatcreme zu sich zu nehmen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Kurz darauf lehnt er sich jedoch in seinem Stuhl zurück und fragt in ruhigem Ton: Papa, kannst Du mir bitte Butter auf’s Brötchen schmieren? Und dann Honig obendrauf?

Er erahnt die Antwort, welche jetzt logisch folgen müsste und kommt ihr gleich zuvor: Ich habe hier schließlich Schokolade am Messer und die soll ja nicht in die Butter oder den Honig kommen.

Da hat er meine Befindlichkeiten gut erkannt und korrekt verarbeitet. Beim Verhandeln geht es schließlich nicht einfach um den eigenen Vorteil. Man sollte immer den Nutzen es Gegenübers im Kopf behalten und in den Vordergrund stellen.

Als alter Verhandlungsexperte wird der Sohn später mal Jurist. Ganz klar.