Aus dem Regal: Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk

Ein gutes Buch erzählt schon mal eine Geschichte. Das kann ausführlich passieren oder es kann Freiraum bleiben. Den der geneigte Leser dann in seinem Kopf ausnutzt. Bei Ersterem handelt es sich meist um amerikanische Romane, die einem jede auch nur entfernt denkbare Unsicherheit bezüglich der Handlung nehmen. Da wird notfalls die Bewegung eines komplett unwichtigen Grashalms im Wind haarklein dargestellt. Sicher ist sicher. Und unter 500 Seiten geht dabei natürlich nichts. Am anderen Ende des Spektrums wohnt die französische Novelle, die einem auf knapp 100 Seiten inhaltsschwangere Emotionen um die Ohren haut und damit gnadenlos sitzen lässt.

Irgendwo dazwischen wohnt dieses Buch: Die hellen Tage. 540 Seiten, diese aber immerhin nicht aus dem Amerikanischen übersetzt. Dafür ist’s jedoch genug Platz, um die Geschichte von drei Freunden zu erzählen, die gemeinsam groß und erwachsen werden. Das passiert ganz in Ruhe. In etwa zur Hälfte des Buches sind alle drei Hauptdarsteller endlich vorgestellt und wir wissen auch, welcher Elternteil jeweils verstorben oder sonstwie nicht da ist. Damit hätten wir sie, die Emotionen.

Später wird das Ganze noch etwas gesteigert. Die Verwandschaftsverhältnisse geraten immer mehr aus den Fugen und die Personen gleich mit. Irgendein Drama herrscht überall. Und jedes einzelne dieser Dramen wirkt so nah, als könnte es in der eigenen Nachbarschaft stattfinden. Das ist ideal zum Mitfühlen. Hier ist man mittendrin, nicht nur dabei. Für eine Weile wohnt man quasi selbst in Kirchblüt, in Heidelberg, in Rom.

Am Ende steht fest: Hier hat jemand wunderschön eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte dreier Menschen, die sich über die Jahre treu bleiben. Mit vielen Höhen und nicht weniger Tiefen. Und ganz beiläufig erzählten Familiendramen, die tatsächlich unter die Haut gehen. Das ist niemals langatmig. Aber auch niemals so kompakt geschrieben, dass man sich erst einmal in die Askese begeben muss, um sich der Sinndeutung hinzugeben.

Dieses Buch ist dramatisch. Gelungen dramatisch. Aber definitiv nichts für Familienmenschen an emotional schwachen Tagen. Diesen wird beim Lesen sonst nur ganz zitterig ums Herz und verschwommen in den Augen. Glauben Sie mir ruhig. Ich weiß, wovon ich rede. Nur gut, dass es bloß eine Geschichte ist.