Hex Hex

Als moderner Mann von heute schätze ich die zugehörigen Errungenschaften sehr. Wir wissen es alle: Im Vergleich zu den alten Zeiten ist die Arbeitsteilung heutzutage flexibler geworden. Die Last des Alltags wird auf immer mehr Schultern verteilt. Wir hatten das schon mal, dass man als Vater im Haus auf einmal vollkommen legitim seine Socken selbst zusammenlegen und das Klo putzen darf. Dafür haben wir hart gekämpft. Jetzt ernten wir die Lorbeeren. Jetzt können wir so richtig die Sau rauslassen. Und das natürlich nicht nur bei den Socken und auf dem stillen Örtchen. Und das auch nicht nur, wenn es darum geht, selbst endlich mehr machen zu dürfen. Wir delegieren auch besser. So gehen zum Beispiel beide Kinder des Hauses tagsüber in die Kita zum Arbeiten. Sie musizieren dort, sie turnen dort, sie gärtnern dort und sie sozialisieren sich dort mit Gleichgesinnten. Kurz: in der Kita machen sie Sachen, die wir ihnen zu Hause nur bedingt bieten können. Die Kita als magischer Hort der Bildung ergänzt das heimische Erziehungsgefüge recht charmant. Das gebe ich gern einmal unumwunden zu.

Die Ergebnisse zeigen sich letztlich im ganz banalen Alltag. So hat der Sohn es tatsächlich fertig gebracht, einer Trompete, die ihm versehentlich in die Hände gefallen ist, im ersten Anlauf glasklare Klänge zu entlocken. Versuchen Sie das einmal selbst. Viel Spaß beim Suchen nach Ausreden, warum das konkrete Einzelstück, welches Sie gerade in den Händen halten, Sie offenbar nicht leiden kann. Aber auch leise Errungenschaften bringen die Kinder mit nach Hause. So gießt die Tochter freiwillig und beinahe zielsicher die Pflanzen auf dem Balkon. Ich halte das für eine ganz essenzielle Arbeitserleichterung. Jetzt müssen wir nur noch überlegen, wie sie das elegant während unseres nächsten Urlaubs erledigen kann. Natürlich bringt die Kitagemeinschaft auch die interpersonellen Kommunikationsfähigkeiten der beiden ganz weit nach vorn. Nicht das jeweilige Besinnen auf den eigenen Vorteil ist wichtig, sondern das gemeinsame Miteinander. Die Kinder zelebrieren ihre gegenseitige Unterstützung bis zur Selbstaufgabe. Das kommt vor allem in brenzligen Situationen sehr zur Hilfe.

So isst die Tochter beispielsweise gern ihr Brot mit Nutella und einer Scheibe Wurst oben drauf. Das ist schon zum Frühstück reichlich anstrengend. Aber spätestens am Abend wird es zu einem ernsten Dilemma. Denn am Abend gibt’s hier im Haus keine Nutella. Soweit kommt’s noch. Entsprechend entsetzt guckt das Kind. Sie kann ihr Unglück kaum fassen. Das schlägt recht schnell auch dem Sohn auf’s Gemüt. So viel Elend kann er gar nicht mit ansehen. Es dauert nicht lange und er bietet ihr seine Hilfe an: Komm‘, ich zaubere mal für Dich.

Das ist doch mal ein Angebot. Ganz offenbar hat er da wieder etwas in der Kita gelernt. Ganz klassisch geht er dabei vor, setzt eine ernste Mine auf, bewegt seine Hände beschwörend im Kreis, wechselt in einen feierlichen Tonfall und sagt: Hokus Pokus Fidibus. Dreimal schwarzer Kater. Auf dem Brot erscheint Nutella. Hex! Hex!

Beide gucken erwartungsvoll auf den Teller der kleinen Schwester. Leider passiert mit ihrem Brotbelag rein gar nichts.

Tja. sagt der kleine Mann, zuckt kurz mit den Schultern und lehnt sich entspannt in seinem Stuhl zurück. Fast schon beiläufig merkt er noch kurz an: Siehst Du, ich kann gar nicht zaubern.

Sonderlich mitzunehmen scheint es ihn offenbar nicht. Und ich frage mich, wofür wir die Kinder überhaupt die ganze Zeit zur Kita bringen. Lernen tun sie dort ganz offenbar ja nichts. Nichtmal etwas Zaubern ist drin.

Schlimm ist das.