Der Lobbyist des Hauses

In diesem Haushalt wird ein relativ solider Teil der Bewegung außer Haus mittels motorisierter Hilfsgeräte absolviert. Oder anders: Wir fahren Auto und stehen dazu. Ich meine, mal so unter uns: Wir leben in den Südstaaten. Hier wurde das Automobil quasi erfunden. Davor muss man auch mal Respekt haben. Wir zeigen vollkommenes Geschichtsbewusstsein. Wenn jemand wissen möchte, wie praktizierter Lokalpatriotismus aussieht, er muss uns nur in die Augen schauen. Mit reiner Bequemlichkeit hat das alles selbstverständlich überhaupt gar nichts zu tun. Zum Bäcker gehen wir beispielsweise zu Fuß. Und das liegt bestimmt nicht nur daran, dass der Weg vom Parkplatz zum Bäcker weiter wäre als jener vom Kinderzimmer aus. Bestimmt nicht.

Wir fahren einfach Auto, weil wir pragmatisch an die Herausforderungen des Alltags herangehen. Das Leben ist schon komplex genug. Da muss man ganz schlicht gehörig vereinfachen, damit sich alles ordnungsgemäß in den Griff bekommen lässt. Einfach heißt dabei, dass wir die Wahl des Fortbewegungsmittels von einer ganz banalen Frage abhängig machen: Ist der Weg zum Ziel weiter weg als jener zum Bäcker oder ist es näher dran? Wie gesagt: Zum Bäcker gehen wir meist zu Fuß. So machen wir es für die anderen Ziele in ähnlicher Reichweite auch. Glücklicherweise schließt das sogar den Weg in den Keller mit ein. Man stelle sich vor, was sonst los wäre, wenn man eine zweite Flasche Wein hochholen möchte. Der Konflikt wäre quasi unlösbar. Nur gut, dass wir den Bäckerladen als Hilfestellung haben. Wenn ich daran denke, werde ich die Damen dort morgen früh einmal ganz herzlich umarmen, um ihnen meinen Dank klar zu machen.

Was ich jedoch eigentlich die ganze Zeit sagen möchte ist: seit kurzem sind wir ADAC-Mitglieder. Über all die Jahre, ach was: Jahrzehnte, hinweg haben wir das vermeiden können. Wir sind einfach vorsichtig gefahren. Wir haben an das Gute auch in den Fahrkünsten der anderen geglaubt. Wir waren uns sicher, dass wirkliche Dramen ins Kino gehören, aber nicht auf die Straße. Jetzt ist es aber trotzdem passiert: Wir haben irgendwelche sinnfreien Werbeprämien genommen und die Mitgliedschaft in einem der führenden Lobbyverbände des Landes als Bonus obendrauf bekommen.

Und was soll ich sagen? Auch nach mehreren Wochen der ständigen Nähe unserer gelben Engel fühlt sich das Leben noch erstaunlich ähnlich zu jenem vor dieser Zeit an. Es ist fast so, als hätte sich nichts verändert. Zumindest dann, wenn man nicht bewusst darüber nachdenkt. Ein gesundes Maß an Ignoranz erleichtert vieles im Leben. An diesen Grundsatz glaube ich fest. Hier sieht man ihn wieder bestätigt. Nur einmal im Monat, da klappt das nicht. Dann liegt nämlich dieses bunte Vereinsblatt im Briefkasten. Das Zentralorgan der motorisierten Subkultur: frei Haus, auf unelegant dünnem Papier, quietschbunt, quasi direkt für die Altpapiertonne produziert. Aus irgendeinem Grund landet aber selbst dieses Blatt eben nicht sofort in besagter Tonne sondern erst einmal auf einem der Zeitschriftenstapel des Hauses. Diese Stapel gibt’s hier reichlich, sie sind auch meist respektabel hoch. Wenig interessantes Material wandert darin vollkommen selbständig und automatisch nach unten. Ruck zuck ist es weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Man sieht: Den Punkt mit der gesunden Ignoranz, der Erleichterung und dem Leben haben sogar die Müllhaufen schon verinnerlicht. So sehen überzeugende Wertvorstellungen aus.

Vor ein paar Tagen ist es dann jedoch passiert: Der Sohn hat genug vom allgemeinen Spieltrieb, nimmt sich eine Auszeit, geht zu einem der Zeitschriftenstapel und zieht zielsicher die ADAC-Mitgliederzeitschrift heraus. Er lümmelt sich auf die Couch, fängt an zu blättern und ist für circa 20 Minuten quasi nicht mehr ansprechbar. So ruhig, ausgeglichen und zufrieden sieht man ihn selten.

Wie gesagt: Wir leben in den Südstaaten, hier wurde früher mal das Automobil erfunden. Und die Lobbyisten von morgen bilden sich ganz selbständig weiter, um die Tradition auch in Zukunft hochhalten zu können.