Kategorien
berufswunsch sohn

Berufswunsch (17)

Die Familie sitzt beim Abendessen und wertet den Tag aus. Das kommt hier immer wieder mal vor. Aber keine Angst: Wir achten natürlich darauf, dass niemand mit vollem Mund spricht und dass ebenso niemand die eventuellen Dramen des Tages gar zu intensiv noch einmal durchleiden muss. So schlimm ist es jedoch normalerweise alles gar nicht. Denn machen wir uns mal nichts vor: Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, sind die meisten Tage durchaus recht unterhaltsam. Nach Feierabend und mit etwas Abstand wirken viele Dramen, welche nur wenige Stunden vorher uns alle quasi in den Weltuntergang getrieben haben, gleich viel weniger bedrohlich. Unlösbar scheinende Fragestellungen haben sich zwischenzeitlich quasi in Luft aufgelöst. Über die eigene Verzweiflung ob dieser täglichen Herausforderungen könnten wir am Abend nur noch herzlich lachen, wenn wir dann nicht auf einmal aufpassen müssten, uns nicht doch beim Essen zu verschlucken.

Es ist also alles halb so wild und wir essen friedlich auswertend vor uns hin. Diese anheimelnde Idylle darf aber wiederum auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eine oder andere Frage des Tages doch noch nicht beantwortet ist. Ja, dass vielleicht sogar das eine oder andere Problem noch offen im Raum steht. Wir reden ruhig mal darüber. Etwas neutraler Input hilft vielleicht weiter. Man weiß ja nie. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen ganz zum Schluss. Da hilft nur eins: Konkret werden. Denn wenn man etwas ganz klar benennt, dann liegt die Lösung meist gleich auf der Hand. Klingt komisch. Klappt trotzdem meistens. Also, klare Ansage: Es gab da heute ein Problem!

Die Tochter guckt kurz von ihrem Teller hoch und fragt: Problem?

Ja, antworten wir quasi unisono. Auf Arbeit. Das ist nicht weiter schlimm. Wir denken nur mal nach.

Der Sohn sagt nichts. Er ist überhaupt gerade erstaunlich ruhig. Offenbar sehr in sein Essen vertieft. Vollkommen meditativ starrt er seinen Teller an.

Wir essen noch etwas und denken während dessen ein wenig nach. Klar, wir reden über das Problem, erwähnen Kollegen, sprechen von Algorithmen und bilden uns ein, auf die grundlegendsten Fragen durchaus plausible Antworten zu finden. Das haben die anderen tagsüber natürlich nicht geschafft. Ganz klar. Also wir selbst: viel schlauer. Die anderen: überhaupt gar nicht schlau. Logisch. Das muss so sein. Das sehen die anderen übrigens ganz genauso. Wenn Sie sich ernsthaft schon mal gefragt haben, warum Sie nicht jeden Abend mit Ihren Kollegen zusammen essen, dann haben Sie jetzt die Antwort. Es ist einfach besser so.

Auf einmal meldet sich der Sohn zu Wort. Er hat seine ernste Mine aufgesetzt, sitzt leicht schräg auf dem Stuhl, lehnt einen Arm auf den Tisch, den anderen über die Stuhllehne. Wenn er das macht, weiß man: Er hat nachgedacht, gleich kommt etwas wirklich Ernstes. In solchen Momenten sprudeln die ganz großen Themen aus ihm heraus. Vollkommen neue Geburtstagswünsche etwa. Ich hoffe, Sie verstehen die Tragweite. Nach diesen Wünschen, da kommt der Weltfrieden. Der Sohn guckt also ernst und sagt: Ich weiß eine Lösung für Euer Problem.

Wir: Wie bitte?

Der Sohn: Ich weiß, was Ihr machen müsst. Also passt auf: Ihr setzt einfach immer zwei Leute in ein Büro.

Dann ist er ruhig.

Wir: Ähh, das war’s?

Der Sohn: Ja, das war’s.

Nun ja. Gut zu wissen. Danke, mein Schatz. Und wo waren wir eigentlich stehen geblieben? Bei Algorithmen, richtig. Ganz grundlegenden sogar. Eigentlich einfache Sachen. Die Theorie dazu ist seit langem klar. Die Probleme entstehen erst in der Praxis. Das ist eh ein erstaunlich weit verbreitetes Phänomen, das mit der Theorie und der Praxis. Irre.

Und wenn das nicht hilft, habe ich noch eine Idee.

Ich glaube, der Sohn war das.

Wir: Wie bitte?

Der Sohn: Wenn das nicht hilft, also so zwei Leute in einem Büro, ja? Also, dann verkleidet Euch einfach als Pirat.

Wir: Und gehen dann so zur Arbeit?

Der Sohn: Ja klar.

Damit ist das Thema für ihn durch. Frage geklärt. Problem gelöst: Kleinere Büros und die eigene Kompetenz mit mehr Nachdruck nach außen tragen. Da steckt mehr Lösungspotenzial drin als vielen von uns lieb sein mag. Es sind einfach klingende Vorschläge, die sich in Wahrheit aber ganz und gar nicht so einfach umsetzen lassen. Darauf konnte wirklich nur ein vollkommen Außenstehender kommen. Nur dem unbelasteten Externen ist eine dermaßen klare Sicht auf die Dinge gegeben.

Es ist wohl leider offensichtlich: Der Sohn wird einmal Berater. Ich sage dazu vorläufig lieber nichts und sitze das erstmal aus. Zeit für den Nachtisch.

2 Antworten auf „Berufswunsch (17)“

Kommentare sind geschlossen.