Kartoffeln gehören nicht in einen Zen-Garten

Die Zeiten sind hart. Wo man auch hinguckt: überall wird von Krisen gesprochen. Von Stress auch. Von Balance, wenn man mal Glück hat. Aber auch das meist nur, wenn es darum geht, dass selbige verloren gegangen ist und man gefälligst zusehen möchte, sie doch bitte möglichst schnell wiederzufinden. Was übrigens der totale Stress ist, wenn man mal darüber nachdenkt. Es ist ein Teufelskreis. Schlimm. Da kommt man wohl nur mit Glück wieder heraus.

Einen kleinen Trost habe ich immerhin: Das Glück ist mit jenen, die Kinder haben. Denn der moderne Mann von heute findet seinen Ausgleich beim Spielen mit den Kindern, ganz klar. Legotürme bauen, kreativ Musik machen, um die Wette schaukeln, Fahrradfahren lernen: das sind alles schlicht Synonyme für pure Tiefenentspannung. Nur durch Eines lassen sie sich toppen: den Sandkasten.

Denn genau dort sitzt man nach einer furchtbar anstrengenden Arbeitswoche, in der man beinahe den Weltfrieden gerettet hat. Man teilt sich die Kiesgrube möglicherweise mit dem Sohn. Also mit jemandem, der ambitioniert und voller Elan nicht nur tiefe Löcher gräbt, sondern auch hohe Burgen baut und ganze Straßenzüge ersinnt, die sich elegant durch die Schluchten winden. Dieser Ehrgeiz ist ehrenwert. Er ist jedoch auch dem eigentlichen Ziel des ganzen Spieles vollkommen abträglich, nämlich dem Finden von Ruhe, Ausgleich, Entspannung oder schlicht: mentalem Wohlbefinden. Da hilft nur eins: Knallharte Erziehung. Ich erzähle dem Sohn somit in aller gebotenen Ruhe und Ernsthaftigkeit etwas über das Anlegen eines Zen-Gartens. Wir sitzen uns gegenüber, haben jeweils eine Sandkastenharke aus spirituell neutralem Kunststoff in der Hand und setzen die frisch gelernte Theorie gekonnt in die Praxis um. Klare geometrische Formen entstehen im Sand. Sie werden gelegentlich wieder zerstört. Das aber nur, um in deutlich reiner Präzision neu zu entstehen. Nach einer Weile harken wir beide, ganz ohne uns dessen überhaupt noch bewusst zu sein. Wir sind nicht mehr nur im Sandkasten, wir sind schon viel weiter. Wir harken nicht einfach kleinste Körnchen von links nach rechts, wir sind jetzt eins mit unserer Umwelt, wir verbinden den Anfang mit dem Ende, wir kreisen um die Bedeutung des Wahren und schließen sie ein, wir erkennen uns selbst und unsere Bestimmung, wir ruhen in uns.

Doch plötzlich habe ich Durst, oder wie auch sonst man dieses weltliche Gefühl nennt, welches sich nur durch einen frischen Kaffee wieder in den Griff bekommen lässt. Ich verabschiede mich von Sohn, Sandkasten und Zen-Garten. Keiner der drei scheint viel dagegen zu haben. Ich hinterfrage das nicht, sondern sitze nur unwesentlich später auf dem Balkon, die Tasse Kaffee in der Hand, die Ruhe im Ohr, die Gedanken im Fluss.

Irgendwann kommt auch der Sohn und lehnt sich entspannt an das Balkongeländer. Er wackelt ein wenig mit dem großen Zeh, wirft noch einmal einen Blick in die Ferne, guckt schließlich herüber zu mir und sagt: Du Papa, ich habe noch Kartoffeln im Zen-Garten gepflanzt. Erwartungsvoll guckt er mich an. Stolz scheint er auf seine Leistung und den zugrunde liegenden kreativen Geist.

So geht es trotzdem nicht, mein Kaffee wird schließlich kalt. Ich reagiere also mit der einzig möglichen Antwort: In einen Zen-Garten gehören keine Kartoffeln, junger Mann! Du musst noch viel lernen im Leben.

Der Sohn sagt: Na gut. Und er stapft los, wohl um die willkürlich in den Sandkasten geworfenen Steine wieder heraus zu fischen.

Es ist ein weiter Weg auf dem Pfad zur Erleuchtung. Fragt sich nur, für wen von uns.