Stilfrage

Es ist jeden Morgen das Gleiche: Man muss die passenden Klamotten zum Anziehen heraussuchen. Schlimm genug, dass man das für sich selbst machen muss. Aber hat man erst einmal Kinder, darf man es für diese auch noch mit erledigen. Das ist auf Dauer ein richtig schwerer Job. Warum hat einem das eigentlich niemand vorher gesagt? Es wäre bestimmt alles ganz anders gelaufen.

Jetzt läuft es so: Wir ziehen uns an. Früh am Morgen. Streng genommen ist noch niemand munter genug, um auch nur halbwegs zuverlässig Klamotten auswählen zu können. Da hilft nur eins: Der moderne Mann von heute muss tun, was er tun muss. Er trifft Entscheidungen. Also suche ich den Kindern ihre Sachen heraus. Sie sollen schließlich elegant durch den Tag kommen. Da kann ich nichts einfach dem Zufall überlassen. Machen wir uns mal nichts vor: Kinder anzuziehen ist ein knallharter Job. Besonders vor dem ersten Kaffee.

Dumm nur, dass meine Vorschläge für gewöhnlich konsequent abgelehnt werden. Was für die Kinder zählt, ist der eigene Geschmack. Dieser funktioniert leider nicht immer ganz zuverlässig. Wie auch? Die beiden Größenwahnsinnigen hatten schließlich bisher relativ wenig Zeit zum Üben, jung wie sie sind. Je nach Grad der jeweiligen Verirrung diskutiere ich somit durchaus. Ihr Tag soll ja auch nicht zu schwer werden. Man macht sich schließlich keine Vorstellungen, wie gemein Kinder in so einer Kita sein können. Da wird geklatscht und getratscht, dass einem ganz schwindelig wird. Bei den frühreifen Kindern geht das heutzutage wirklich alles viel frühzeitiger los als früher in den guten alten Zeiten.

Ich ermahne die Kinder also und versuche, sie zur Vernunft zu bringen. Ich erkläre meine ästhetischen Beweggründe, sie sollen sie schließlich verstehen. Von Farben erzähle ich ihnen etwas, von Mustern, von Stoffen und von Zusammenhängen zwischen all diesen. So brauchen die beiden nicht ein Leben lang am frühen Morgen den Papa um Rat zu fragen, wenn es um die passende Kleiderwahl für den Tag geht. Da ist etwas Energie und Durchhaltevermögen gut investiert. Also zeige ich, erkläre ich und belehre ich. Und werde ignoriert. Für die zu ihrer Selbständigkeit erzogenen Kinder zählt nur ihr eigener Geschmack. Wer soll sie schließlich besser kennen als sie selbst? Eben. Da braucht man gar nicht viele Worte zu verlieren. Taten zählen. Die Kinder tun und ziehen sich an.

Was soll’s? – denke ich mir. Wenn das Ergebnis nicht gar zu dramatisch ist, sollen sie die Sachen doch ruhig anbehalten. So lange wie wir die Pudelmütze im Hochsommer vermeiden und über die Badeshorts im Winter noch eine wärmende Hose ziehen, wird es schon gehen. Da darf man als Elternteil nicht immer päpstlicher sein als der Papst. Da kann man einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Die Kinder sehen schließlich sowieso gut aus. Was machen da schon ein paar lächerliche Klamotten aus? Eben. Das ist nichts, wofür es sich lohnt, die frühkindliche Kreativität einzuschränken und möglicherweise gar im Keim zu ersticken.

Also Mut zur Lücke und ab in die Kita.

Wo wir nicht nur gewohnt freundlich empfangen werden, sondern die Erzieherin glatt sagt: Die beiden sind heute wieder ausgesprochen elegant angezogen. Legt Ihre Frau die Sachen immer passend heraus? Mit Verlaub, aber was ist das denn bitte für eine vollkommen inakzeptable Frage? Ich antworte natürlich mit einem energischen: Ähh, nein. Natürlich nicht! Und ernte dafür: Hach, dass es das noch gibt: Männer mit Geschmack und Stil, die sogar ihre Kinder passend anziehen können.

Also wirklich, dass man uns Männern heutzutage aber auch gar nichts mehr zutraut, ist doch ganz offensichtlich hochgradig unfair.