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Wichtige Entscheidungen

Es gibt Tage, die sind lang. Viel länger als andere. Zumindest gefühlt ist das so. Da war es wohl sehr anstrengend, was den ganzen Tag über so passiert ist. Ermüdend, quasi. Und so sitzt die Familie am Tisch mit dem Abendmahl und alle gucken sich eher ruhig, recht träge und mit glasigen Blicken an.

Wirklich alle? Nun, ein kleiner Mann leistet Widerstand gegen den allgemeinen Trend. Der Sohn hat in einem Wahn von vorausahnender Cleverness als einziger im Haus einen ausgiebigen Mittagsschlaf gehalten. Er ist topfit, putzmunter, gut drauf und voller Tatendrang. Das ist zwar anstrengend, muss aber selbstverständlich sofort gnadenlos ausgenutzt werden. Wir planen gleich mal das tägliche Ritual des ins-Bett-Gehens neu. Wir schlagen dem Sohn vor, dass er es ist, der heute alle ins Bett bringt. Schwester, Papa, Mama – am besten in genau der Reihenfolge. Er guckt erst einmal skeptisch. Wer weiß schon, was die Eltern da erzählen? Und nachher meinen sie es vielleicht doch nicht ernst. Unmöglich, so ein müder Familienclan. Unberechenbar, das Volk. Man sieht’s dem Sohn an: Er wartet erst einmal ab. Ich ringe mir ein paar motivierende Worte ab: Das ist nicht weiter schlimm, mein Sohn. Zähne putzen wir uns selbst. Du musst am Ende nur ein Buch vorlesen, das war es dann schon fast. Die Mama sucht eins aus, holt es Dir aus dem Bücherwagen und Du liest es dann vor. Das reicht. Und zack: alle schlafen.

Er guckt mich an, legt sein Essen erstmal ab und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Ob das Entspannung ist, kann ich gar nicht sagen. Eher scheint er zu überlegen. Soll er ruhig. Wir essen einfach weiter. Plötzlich guckt er ganz freudig. Lehnt sich leicht zur Dame des Hauses herüber und flüstert: Mama?Ja, mein Schatz?, antwortet sie. Mama, Du suchst Dir am besten ‚Stop für Willi‘ aus, ja? Das ist ein recht unterhaltsames Buch, wenn auch relativ viel Tempo in der Geschichte liegt, so ganz optimal zur Nacht ist es nicht, es geht um Autos, Züge, Fahrräder, es geht um Tempo, Fußball, Unfälle gar. Ein schönes Buch, keine Frage, aber zum Einschlafen? Mama, das ist doch mein einziges Buch, in dem überhaupt gar kein Text drin steht. Das kann ich Dir vorlesen, ja? Ja!, sagt der Sohn grinsend, nickt noch einmal, um sich selbst zuzustimmen und lässt in seinem Blick klar erkennen, dass die Entscheidung für die Nachtlektüre gefallen ist. Die Mama wird nachher auf jeden Fall das Richtige tun.

Und nach einem langen, vielleicht sogar anstrengenden Tag haben wir sogar noch etwas gelernt: Wichtige Entscheidungen sehen immer nur aus, als würden sie spontan gefällt. Tatsächlich sind sie gut vorbereitet und mit allen Beteiligten im Vorfeld sorgfältig abgestimmt. Der Sohn hat das schon ganz intuitiv drauf. Wenn’s bei den Großen mal auch immer so gut klappen würde. Selbst an ganz normalen Tagen.


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