Kulturbanause

So ein kleinbürgerlicher Bildungshaushalt ist eine inspirierende Sache. Da kann’s zum Beispiel passieren, dass man einfach mal unschuldig pfeiffend nach Hause kommt und eine Bude voller Kunstwerke vorfindet. In solchen Momenten ist es sehr wichtig, den eigenen Elan zu bremsen und vorsichtig durch das neu eröffnete Atelier zu manövrieren. Denn eines steht fest: auf Bilder möchte man nicht treten und mit dem Künstler will man es sich nicht verscherzen. Das gilt besonders dann, wenn es sich um den eigenen Sohn handelt. Der Typ hat offenbar spontan beschlossen, seine gesammelten Werke aus der Kita mit nach Hause zu bringen. Bei ihm als Mann der Taten werden Beschlüsse natürlich sofort umgesetzt. Super Sache: Tabula rasa dort, Chaos hier. Und ein kunstverständiger Familienvater tut selbstverständlich, was er tun muss: Er bückt sich, er greift willkürlich in das Papiermeer, er fischt ein paar bemalte Fetzen heraus und bewundert sie angemessen.

Auf einigen Werken kann man sogar etwas erkennen. Robotter sind es meist. Robotter sind gerade schwer angesagt beim Künstlersohn. Robotter hier, Robotter dort, Robotter auf Papier. Und was soll ich sagen: Da sind stellenweise wirklich respektable Robotter dabei. Ich staune und tue, was ein Staunender tun muss. Ich sage: Ach, da sind aber wirklich ein paar schöne Bilder dabei!

Lob tut schließlich auch mal gut. Das arme Kind kann nicht ausschließlich mit Repressalien groß gezogen werden. Als moderner Mann von heute kann ich auch mal weich sein und ein Herz zeigen. Der Sohn hat schließlich schwer gearbeitet. Und eines wissen wir doch alle: Das Leben eines Künstlers ist ein hartes, ein undankbares, ein brotloses. Da ist ein wenig Bestätigung genau das Richtige. Wenn sie noch dazu von jemandem kommt, den man liebt und schätzt – dem Herrn Papa zum Beispiel – dann fühlt man sich verstanden, dann bekommt das Künstlerleben einen Sinn.

Nur der Sohn versteht das noch nicht so recht. Er hält statt dessen abrupt mit dem Spielen auf, erstarrt für einen kurzen Moment vollständig, schüttelt ungläubig den Kopf und merkt recht trocken an: Papa, die sind alle schön!

Es geht doch nichts über klare Ansagen. Und ich habe wohl verstanden, auf welchem Wort hier die Betonung lag. Da habe ich – ganz klar – einen Fehler gemacht. Soll nicht wieder vorkommen. Versprochen. Mensch, eine korrekte Erziehung, die auch adäquate Wertemaßstäbe vermittelt, scheint wirklich schwer zu sein. Aber ich bin mir sicher: irgendwann wird der Sohn das schon noch schaffen.