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Ambiguitätstoleranz bei der Büchergefahr

Es gibt Diskussionen, die nutzen sich so schnell nicht ab. Die Preise von Büchern sind so eines. Dabei bietet sich zum Beispiel immer dann Gelegenheit für eine weitere Runde des Diskurses, wenn die lieben Selbstpublizierenden unter uns mit dabei sind.

Genau das ist bei der aktuellen Ausgabe No. 89 des Büchergefahr-Podcasts der Fall und sie kritisiert kräftig an einem Beitrag im selfpublisher-Magazin herum. Aus gutem Grund, versteht sich.

Am Ende gibt’s – wenig überraschend – ein Plädoyer für ein ordentliches Maß an gesundem Menschenverstand und vor allem eins: Ambiguitätstoleranz. Die hilft ja generell viel. Nicht nur in Zeiten wie diesen, sondern ganz generell. Für mehr Grautöne statt Schwarz und Weiß.

In den Meta-Marktbetrachtungen der Podcastfolge geht außerdem nochmal um Hörbücher und die Bezugsquellen für diese. Da reicht aber eigentlich ein Blick in die Links der Shownotes, das muss man sich gar nicht lange anhören. Fairerweise gibt’s Kapitelmarken im Audio, das lässt sich somit leicht überspringen. Wer mag, kann das auch mit den Kommentaren zum gefühlten Attitüdendilemma der jetzt kommenden digitalen Frankfurter Buchmesse machen.

Aber die Sache mit der Ambiguitätstoleranz, die hört Ihr Euch an, ja? Gut.

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autodidakt

Gelesen: Leere Herzen von Juli Zeh

Was macht man mit einem Typen, den man bei der täglichen Laufrunde deprimiert an einer Brücke stehen sieht? Ganz klar: Man bittet ihn irgendwann, endlich zu springen. Alternativ gründet man mit ihm eine Heilpraxis, in der die Kunden entweder von ihren Suizidgedanken befreit oder an Terrororganisationen vermittelt werden, damit das große Ende wenigstens für einen guten Zweck zur Geltung kommt.

Das ist doch mal eine edle Geschäftsidee.

»Wir sind’s keine Terroristen, wir sind Dienstleister«, bringt es Babak – der Mann von der Brücke – einmal prägnant auf den Punkt.

Irgendwann geht natürlich trotzdem etwas schief. Es sieht ganz so aus, als ob plötzlich Konkurrenz im Geschäft mitmischt. So geht doch das nicht. Britta – die Läuferin – und Babak sind in der Ruhe ihres ansonsten so geordnet verlaufenden Arbeitsalltags gestört. Alles wird ein wenig nervöser als üblich.

Babak bringt sein Suizid-Kandidaten-Analyse-KI-System in Sicherheit, Britta sorgt sich um ihre Familie. Beide werden von Jägern zu Gejagten. Und wieder zurück. Im ganzen Chaos bekommt sogar eine Kundin ihrer Praxis eine aktive und mitbestimmende Rolle. Die Gegenspieler bleiben im Dunklen. Im Hintergrund nimm der Populismus in der Politik immer mehr Fahrt auf.

Das hat Tempo. Das ist spannend. Das wirft sowohl Fragen des ganz privaten Miteinanders als auch des großen gesellschaftspolitischen Rahmens auf. Bei aller Dramatik (Terrorismus!) macht die Geschichte richtig Spaß.

Die Auflösung kommt dann mit weniger Krawall, als man es zwischendurch erwarten könnte. Es schwingt ein wenig der moralische Zeigefinger mit. Macht aber nichts. Juli Zeh erzählt toll, die Charaktere überzeugen und zumindest die Protagonistin entwickelt sich auch. Leere Herzen, volle Empfehlung.

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aus dem regal

Gelesen: Paradise City von Zoë Beck

Paradise City von Zoë Beck liegt hier am Strand. Es ist ein Strand in Rostock und das könnte passender kaum sein. Diese feine Stadt spielt im Buch nämlich eine Rolle. Eine erhebliche Rolle, wenn auch keine sehr schöne.

Aber man sieht ein durchaus denkbares Szenario, wo die Reise wohl hingehen könnte, wenn nicht nur diverse Pandemien, sondern auch ein Anstieg des Meeresspiegels und der Trend zur Abwanderung des Lebens in einige wenige Megacities ihren Weg gegangen sind.

Es geht im Buch also um einen Blick in eine mögliche Zukunft. Es ist keine allzu ferne, aber es ist eine des starken Staates und mit möglichst vollkommener Überwachung, bei der z.B. eine Gesundheits-App für die Regulierung des Alltags sorgt.

Obendrein geht es um die Macherin hinter eben dieser App. Und es geht um einige wenige, die noch Widerstand leisten, die noch kritische Fragen stellen und dafür natürlich Stress bekommen.

Mittendrin steht Liina, eine Frau mit künstlichem Herzen, somit abhängig vom Gesundheitsüberwachungsstaat. Eine Frau aber auch, die für eine unabhängige Agentur Nachrichten recherchiert und somit das System angreift. Eine Frau, die mit einer Affäre zwischen den Stühlen steht.

Das birgt nicht nur genug Potential für spannende Reibungsflächen, sondern nutzt dieses auch solide aus. Personen, Intrigen, Schauplätze, Konflikte: alles wechselt schnell und doch schlüssig. Das liest sich flüssig und spannend. Das macht Spaß.

Etwas ungewohnt sind allerdings ein paar Eigenarten in der Erzählweise. Da hat ein Interviewpartner von Liina zum Beispiel keinen Namen, sondern bleibt schlicht die Kontaktperson. Wie gesagt: ungewohnt. Aber gut für das Setting, wir sind hier schließlich in der Zukunft und recherchieren für eine Indie-Agentur. Man gewöhnt sich auch schnell dran. Passt schon.

Am Ende gibt’s dann einen latent dramatischen Abgang. Beim letzten Mal scheiterte die Lieferantin mit ihren Drohnen im London der nahen Zukunft, jetzt scheitert Liina im nicht allzu fernen Rostock. Wir dürfen wohl gespannt sein, in welcher Gegend die Zukunft im nächsten Thriller untergeht.

Ich freue mich schon drauf.

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auf die ohren podcast

Wo holt und hört Ihr Eure Hörbücher?

Drüben – im Podcast der Büchergefahr – ist gerade eine neue Folge erschienen. Neben diversen anderen Themen geht es darin auch um ein Whitepaper der Frankfurter Buchmesse, welches sich dem aktuellen Marktgeschehen rund um Hörbücher widmet.

Nach der Feststellung, dass Streaming derzeit eine noch recht lächerlich kleine Rolle spielt, kam die Frage auf, wo wir uns eigentlich alle so mit Hörbüchern versorgen. Meine naive Annahme war, dass es die üblichen verdächtigen Streamingkanäle sind: Audible, BookBeat, Deezer, Spotify, Storytel. Dem scheint aber gar nicht so zu sein. Tja, was denn dann? Kauft Ihr MP3s bei den diversen Online-Buchläden? CDs im Elektroladen um die Ecke?

Sagt doch mal an. Gern auf Mastodon oder Twitter. Ich sammle die Antworten und dann thematisieren wir das einfach noch mal. Diese Podcastfolgen wachsen ja schließlich nach.

Ich bin gespannt.

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aus dem regal

Gelesen: Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing

Christin ist bei den Kälbern. Nicht ganz freiwillig, aber ihr Freund Jan ist Milchbauer und möchte gern den väterlichen Hof übernehmen. Da hat es Sinn, wenn auch mal jemand nach den Kälbern guckt.

Das hat Potenzial für viel ländliche Idylle. Fern vom städtischen Geschwindigkeitswahn, mit frischer Luft, dem Blick über das weite Land, schweifenden Gedanken. Viel gibt’s davon aber nicht, sondern eher genau das Gegenteil. Denn Jan hat sie sich zwar ausgesucht, das Leben auf dem Hof aber eher nicht. Lieber wäre sie in einer Stadt, einer möglichst großen, mit viel Chic und allem, was so dazugehört.

Also geht’s genau darum: Kann sie dem gnadenlosen Alltag entkommen? Und wie? Und sollte sie das wirklich? Oder lässt sich nicht doch alles irgendwie ertragen? Aber geht’s denn darum, alles irgendwie zu ertragen? Und wenn das Drumherum so unerträglich ist, wie sieht’s dann mit der Beziehung aus? Vor allem, wenn der Alltag und die Routine eingezogen ist?

Fragen über Fragen. Sie treiben Christin durch die Geschichte. Das ist nicht immer schön, man möchte sie manchmal schütteln und ihr ein herzhaftes »Nun mach schon!« zurufen. Und in ihrem ganz eigenen Tempo macht sie dann ja auch, vor allem, als dann wirklich mal niemand bei den Kälbern ist.

Das ist kein Coming-of-Age, aber es ist ein Coming-of-Sinn-des-Lebens. Wenn man die durch quasi den gesamten Text mäandernde Melancholie erträgt, macht das auch Spaß beim Lesen.

So gesehen, ein schöner Text.