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aus dem regal

Gelesen: Jagd die Potemkin! von Mark Joseph

Ein Griff in den Bücherschrank hier um die Ecke. Und zack ist man zurück im Jahr 1968. Wir stecken im kalten Krieg. Und die Amerikaner sowie die Russen ärgern sich gegenseitig mit ihren jeweils neuesten U-Booten.

Man könnte jetzt sagen: Da war die Welt noch in Ordnung. War sie aber nicht. Die amerikanischen U-Boote haben die russischen gejagt. Die russischen U-Boote haben die amerikanischen gejagt. Sie haben sich gegenseitig ausspioniert, sie haben um die Wette gerüstet, sie haben auch aufeinander geschossen.

Dieses Buch ist ein Roman. Und doch liest es sich ein wenig wie ein Geschichtsbuch: Man schlägt es auf und hat es mit physischer oder politischer Gewalt zu tun.

Das ist erschreckend, klar. Und gleichzeitig ist es recht flüssig zu lesen. Es ist erstaunlich, wie gut dieser Text gealtert ist. Als Quintessenz bleibt somit: Es lohnt sich, das Stück wieder zurück in den Bücherschrank zu stellen.

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aus dem regal

Gelesen: Wandern im Nüscht

Die Altmark. Eine traumhafte Landschaft mit viel flachem Land in the Middle of Nüscht, wie es ein Reiseführer so schön betitelt. Davon gibt’s sogar einen zweiten Teil, mit noch mehr Darstellungen dieses faszinierenden Niemandslandes. Der ist auch ganz toll, obwohl er hier im Blog gar nicht vorkommt. Komisch, wie das passieren konnte.

Jetzt gibt’s – brandneu und taufrisch – auch eine Sammlung von 34 schönen Wanderungen durch die Altmark. Wandern im Nüscht heißt sie, ist wieder von Sibylle Sperling zusammengestellt, Amanda Hasenfusz ist als Co-Autorin mit im Boot.

Wie auch die beiden ersten Teile dieser kleinen Lokalkolorit-Serie kann ich diesen Wanderführer sehr empfehlen. Es geht um das Erkunden von viel einsamen Gegenden, es geht um Käffchen und Kuchen in idyllischen Dörfern, es geht um den grünen Gürtel, der früher mal die innerdeutsche Grenze war, es geht um das größte unbewohnte Gebiet Deutschlands, es geht um kleine Flüsse und diesen einen großen: die Elbe. Es geht um Pfade entlang dieser, auf denen ich auch schon gelaufen bin, es geht um das Schloss, in dem die Dame und ich geheiratet haben, mit Blick auf die Elbe und ganz viel Romantik.

Es ist ein schönes kleines Buch. Mit schönen Bildern und schönen Beschreibungen einer schönen Gegend. Eine Empfehlung, nicht nur für Freunde des Wanderns.

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auf die ohren

Gehört: Die subtile Kunst des darauf Scheißens von Mark Manson

Die subtile Kunst des darauf Scheißens.

Die Welt der Ratgeber, sie ist so herrlich bunt. Und man kann sich in ihr so wundervoll vorhersehbar belehren lassen, dass eine möglichst positive Sicht auf die Welt hilft, um in quasi allen Lebenslagen glücklicher und ausgeglichener durch den Alltag zu kommen.

Mark Mansons Subtile Kunst des darauf Scheißens scheint auf eine ganz ähnliche Richtung abzuzielen. So geht es im (Hör-) Buch nämlich darum, wie wir auf andere wirken, was andere von uns denken und wie wir damit umgehen.

Statt des eweg gleichen alles-gut-solange-deine-Einstellung-stimmt, gibt’s hier aber immerhin endlich mal eine Empfehlung, ewtas aktiver mit sich und seiner Umwelt umzugehen. Beim »darauf Scheißen« geht’s nämlich nicht darum, alles Negative zu ignorieren und nur die rosarote Brille aufzubehalten. Sondern es geht darum, selbst die Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Man kann zwar nicht beeinflussen, was andere tun. Aber man kann beeinflussen, wie dieses auf einen selbst wirkt und was man damit macht.

Das ist in der Tat ein wenig erfrischender als die meisten Beratungskalauer, die sonst so herumlungern.

Wenn einem jemand etwas Gemeines sagt und man sich dann schlecht fühlt, kann man das Gesagte nicht ändern, das eigene Gefühl aber eben doch. Und man kann zum Beispiel ganz hervorragend bewusst beschließen, diese eine Meinung dieses einen Menschen einfach nicht wichtig zu nehmen. Oder um es im Tonfall des Buches zu sagen: darauf zu Scheißen.

Das ist auch das wenig überraschende Dilemma des Werkes: die Sprache. Muss man echt in Fäkalverbalitäten abrutschen, um noch genug Aufmerksamkeit abgreifen zu können? Meine Güte. 🙄

Vielleicht stört es beim Hören auch nur, dass Stefan Lehnen als Sprecher sichtlich Spaß am Vulgären zu haben scheint. Fremdscham kommt auf. Aber wie man mit dieser umgeht, wie sie auf einen wirkt, wie stark man diese auf sich wirken lässt, das hat man ja zum Glück selbst in der Hand. Toll, wie einem dieser Ratgeber genau das nahelegt.

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aus dem regal

Gelesen: Neujahr von Juli Zeh

Das ist echt praktisch: Bei Juli Zeh kommt man sowohl dann auf seine Kosten, wenn man die großen, dicken Schinken mag, als auch, wenn man es lieber kurz, prägnant und knackig bevorzugt.

Neujahr gehört zur zweiten Sorte. Es geht um einen Mann mit junger Familie, der ein wenig in seiner Midlife-Krise zu stecken scheint. Seine depressiven Schübe drängen in dem Moment eines Urlaubs auf Lanzarote an die Oberfläche. Um es sich und seiner anwachsenden Trägheit so richtig zu zeigen, setzt er sich auf ein Fahrrad und macht gleich früh am Morgen eine sportliche Tour den Berg hinauf.

Oben ist dann alles anders als gedacht. Mit der Erschöpfung hat er noch gerechnet. Mit dem Wecken alter Erinnerungen an die eigene Kindheit jedoch nicht. Längst vergangen waren diese. Spielten hier am Ort. Waren so unangenehm, dass er sie verdrängte. Um die Eltern drehen sie sich. Um die Scheidung, die dann kam. Um das innige Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester.

Der wider Erwarten bekannte Ort oben auf dem Berg bringt das alles wieder hoch. Wirbelt sein Leben einmal gehörig durcheinander.

Aber sind es nicht solche Momente der totalen Verwirrung, Verwirbelung, Irritation und des Infrage-Stellens, die letztlich zu mehr Klarheit führen? Momente, die es ab und an mal braucht?

Vielleicht ist dem so. Auch wenn man nicht immer erst nach Lanzarote und dort mit dem Rad auf einen Berg fahren muss. Man kann’s auch hier bei Juli Zeh lesen, kurz, knackig, unterhaltsam trotz des Leids anderer.

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auf die ohren

Gehört: Manhattan 2058

Wenn die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, ist es manchmal gar nicht so verkehrt, sich für einen Moment in die Fantasie der guten alten Zeit zurückzuziehen. Oder etwas in der Art. Ein verlässlicher Weg ist es, sich etwas Zoff von Gut-gegen-Böse auf die Ohren zu legen.

Mit Manhattan 2058 von Dan Adams klappt das ganz gut. Das Stück spielt erwartungsgemäß in der gar nicht so fernen Zukunft. Und es handelt von einem kurz bevorstehenden Bürgerkrieg. Das Beruhigende an der Geschichte: Die USA sind noch der Nabel der Welt bzw. halten sich für eben diesen. Im Gegensatz zum alten Kriegsklassiker geht es jetzt allerdings nicht um Nord gegen Süd, sondern um Ost gegen West.Ansonsten passten die Muster und Gewohnheiten aus den guten alten Zeiten auch 35 Jahre in der Zukunft noch.

Es geht im Kern darum, dass ein Cop seine Verlobte verliert, glaubt, dass eine Terrororganisation dafür verantwortlich ist und sich auf einen Rachefeldzug begiebt. Natürlich stimmt dabei vorne und hinten nicht viel von den ursprünglichen Annahmen. Stattdessen ist die große Politik von Korruption durchsetzt, ein Geheimdienst lebt das Idol der Verschwörungstheorie, im Westen der Staaten geht die Welt vor Trockenheit unter, irgendjemand hat mal wieder eine Mauer gebaut, im Untergrund wird erbittert gekämpft. Nebenbei spielen diverse Variationen von Verbrennermoktoren noch eine erstaunlich große Rolle. Ein wenig Zukunft gibt’s aber doch. So können Autos endlich fliegen, die etwas besseren Exemplare zumindest.

Das ist alles recht spannend und abwechslungsreich erzählt. Tobias Kluckert liest mit ganz hervorragendem Wechsel in Stimme und Tempo, wandert gekonnt zwischen verschiedenen Handlungssträngen hin und her.

Eine ordentliche Produktion, die wundervoll unterhält und vom Alltag ablenkt. Das einzig Irritierende ist die total künstliche Unterteilung in sechs Einzelteile. Diese ergeben jeweils für sich überhaupt keinen Sinn, man sollte sie am Stück hören. Das dauert dann etwas über 20 Stunden.