Señor Rolando

Feine Texte. Zur Unterhaltung.

Leseprobe: Der Unfall

Totale Kontrolle. Teil 1.

Unfall

Neunzehn Minuten und siebenundreißig Sekunden. Das war fast eine halbe Minute mehr als Fabian Salida laut Trainingsprotokoll normalerweise in diesem Monat für die Strecke von der Ecke Kantweg bis zum Bogenplatz gebraucht hat. Meine Güte, was ist nur los heute Morgen?, ging es ihm durch den Kopf, während er in den Platz einbog und sein Lauftempo erhöhte. Vielleicht drückt einfach nur das Farmabench-Projekt. Eventuell sollte ich schlicht aufhören, schon während des Trainings über Arbeit nachzudenken.

Genau diesen Ratschlag hatte ihm auch Mike des Öfteren gegeben.

Der gute Mike. Scheint mir manchmal mit nichts anderem beschäftigt zu sein, als den ganzen Tag meine Trainingsergebnisse auszuwerten. Mike Vandhoofen war der Personal Trainer von Fabian. Dabei erstellte er nicht nur die Trainingsprogramme, sondern sorgte auch höchstpersönlich für die tägliche Überwachung der Ergebnisse.

Salida bog in die Streuallee ein, die links und rechts mit hohen Pappeln geschmückt war, hinter denen riesige Grundstücke lagen. Fast am Ende dieser Straße wohnte er selbst. Genau genommen war es das vorletzte Haus. Auf der linken Seite. Jenes mit dem makellosen Äußeren und dem perfekt gepflegten Vorgarten. Bei dem Anwesen sah man sofort, dass jemand viel Pflege darin investierte oder entsprechendes Personal beschäftigte. Für das Erste blieb Salida jedoch trotzdem noch rechts. Das machte er jeden Morgen so und dafür gab es auch einen guten Grund. Ebenfalls im ersten Viertel der Straße wohnten auf der linken Seite nämlich die Rotmalers. Und mit ihnen auch Lissi. Konkret wohnte Lissi in einem kleinen Häuschen im Vorgarten der Rotmalers. Sie war eine temperamentvolle Schäferhündin in einem leicht überdimensionierten Zwinger. Falls es so etwas denn gibt: einen überdimensionierten Zwinger. Dumm war, dass eben jener trotz seiner Größe nicht schallisoliert war. Immer wenn Fabian Salida morgens auf der linken Straßenseite am Haus der Rotmalers vorbei lief, kam er Lissi nahe. Zu nahe. Sie wurde laut. Sehr laut. Es gab regelrecht Krach. Lärm sogar. Und dieser Lärm weckte nicht nur die Nachbarschaft auf, sondern störte auch die normale Ruhe und Ausgeglichenheit des morgendlichen Laufes.

Also lief Fabian Salida fürs Erste weiter auf der rechten Straßenseite. In etwa nach der Hälfte der Straße wechselte er für gewöhnlich über die Straße.

So ganz gewöhnlich schien der Morgen aber nicht zu sein. Denn während ansonsten alles vollkommen ruhig war, kläffte Lissi so energisch, als ob gerade ein Tiefflieger über ihren Zwinger hinweg toben würde. Also neugierig bin ich jetzt durchaus, was dort drüben wohl los sein mag. Und wenn dieser Hund eh schon wach ist, dann kann ich auch genauso gut jetzt schon die Straßenseite wechseln. Außerdem wären das eh nur noch drei Häuser bis zur Wechselstelle, die Mike für mich vorgesehen hat. So ein wenig Abwechslung ist vielleicht auch mal ganz interessant. Ich muss es ihm ja nicht gleich auf die Nase binden. Sonst fühlt er sich nur gekränkt in seiner Trainerehre und erzählt mir ausschweifend davon, wie er schon für die notwendige und selbstverständlich bestens durchdachte Abwechslung in meinem Trainingsablauf sorgt.

So schnell, wie der Gedanke gefasst war, so schnell setzte Fabian Salida ihn auch um und verließ den Gehweg auf der rechten Seite der Streuallee, um die Straßenseite zu wechseln.

Kurz darauf setzte nach einem dumpfen Aufprall das Quietschen eines bremsenden Autos ein.


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