Gelesen: Jenseits der blauen Grenze von Dorit Linke

Es gibt ja gemeinhin kaum anstrengendere Texte als jene über die innerdeutsche Wendezeit. Und dabei geht es nicht um ein positives Anstrengend. Es geht um ein eher unangenehmes, nerviges, kitschüberladenes, nostalgisch verklärtes, »es war auch nicht alles schlecht«-schönredendes oder wir-erklären-den-Ossis-mal-die-Welt Anstrengend. Das möchte niemand haben. Zonenkinder war ein Beispiel, ein recht unschönes. Das gab’s hier schon mal in einem Nebensatz. Schlimm ist das. Und Ausnahmen sind selten. Diese Zeit vor momentan knapp dreißig Jahren, sie ist wohl nicht so leicht zu beschreiben. In Moskauer Eis ging’s noch ganz gut, das war ein kleines Highlight. Aber so rar, wie die gesät sind, macht man um das Genre lieber einen Bogen.

Cover: Jenseits der blauen Grenze von Dorit Linke Und doch kam hier jetzt Jenseits der blauen Grenze von Dorit Linke aus dem Regal. Und was soll ich sagen? Das ist gut so. Zwei frisch Herangewachsene fliehen darin kurz vor der Wende aus der DDR. Über die Ostsee. Schwimmend. Und als Leser schwimmt man mit. Gleich zum Beginn des Buches steigen wir mit den beiden ins Wasser und bleiben dort auch bis zum Schluss.

Das füllt allein noch nicht die Handlung. Dafür gibt es Rückblenden, die den Weg bis zum Gang ins Wasser schildern. Es ist ein Weg zweier Unangepasster. Es ist ein Weg voller politisch relativ engstirnig Agitierender. Es ist ein Weg voller kleiner, meist selbstbewusster, manchmal aber auch leiser Widerstände in einem gut kontrollierten System und gegen eben dieses System.

Beides zusammen, die Flucht auf der Ostsee und die Rückblenden in den recht ordinären Alltag, ergeben ein schlüssiges Bild. Es ist keine dokumentarische Wiedergabe der alltäglichen Normalität in der Spät-DDR. Diese gibt’s nämlich nicht. Diese war schlicht für viele sehr unterschiedlich. Und darum ist es auch gut und angenehm, dass dieser Text gar nicht erst versucht, einen allgemeingültigen Anspruch zu erheben und alle Nuancen des Alltags in einem facettenreichen Umfeld zu erfassen. Stattdessen guckt die Autorin punktiert auf einzelne Aspekte und Schicksale von Menschen, die einfach nur ihr Leben verbringen, auf Menschen, die immer mal wieder ein klein wenig anecken, ansonsten aber souverän durch das System navigieren und auf Menschen, die so stark gegen den offiziellen Strom ankämpfen, dass sie ausbrechen müssen.

Dabei ist das Buch natürlich immer mal wieder bedrückend. Aufgelockert werden die geschilderten Dramen jedoch durch eine angenehm leichte Sprache und eine Situationskomik, die von Konzertbesuchen entlang der Berliner Mauer bis zum Broiler-Essen im Warnemünder Hotel Neptun reichen.

Ein guter und genauer Blick in unsere jüngere Vergangenheit. Ich kann ihn sehr empfehlen.