Künstler on Tour

Geh auf Reisen, heißt es. Da erlebst du was, heißt es.

Nun denn, auf nach Brügge. Auch wenn es zu dem Ort gar nicht viel zu sagen gibt. Er liegt in Belgien. Recht schnell hat man somit seine Waffeln gegessen, seine Schokolade verkostet und vielleicht auch sein draftiges Bier getrunken. Hier kann man obendrein zum Ausgleich zwischendurch ein wenig Pferdekutschen gucken und andere Touristen bestaunen, das war es dann aber auch schon.

Also schnappen wir uns die Kinder und machen eine kleine Ausstellungstour.

Passenderweise gibt es im Belfried, dem Stadtturm, eine Dauerausstellung mit Werken von Salvador Dalí. Das ist nicht irgendein dahergelaufener Lokalmatador ohne Talent. Das kann man sich ruhig angucken. Dabei lernen auch die Kinder gleich etwas. Und das machen sie hier tatsächlich. Sie lernen nämlich spontan eins: In der Kunst darf man gern großzügig sein. Vor allem mit sich selbst und seinem eigenen Sinn für zurückhaltende Darstellungen. Hier gibt es viel Sex, Crime ist auch nicht weit. »Soso«, hört man da. »Guck mal, hier!« gelegentlich auch. Nur beim entspannten Blick auf einen Film, in dem spontan ein Auge zerschnitten wird, haben wir den Rundgang dann doch beendet. Man soll schließlich gehen, wenn es am schönsten ist.

Und wir gehen ein paar Blöcke weiter, um einen Blick auf eine Picasso-Sammlung zu werfen. Das ist auf den ersten Blick recht ähnlich zum Dalí. Surreal halt. Trotz allem ist die Ausstellung erheblich jugendfreier. Wir gucken uns gründlicher um. Und die Kinder gewinnen plötzlich Respekt. Respekt vor dem Fleiß. Denn hier sieht man: Ein Bild ist nicht einfach ein Bild. Nein, nein. So ein Bild ist in Wirklichkeit eine ganze Serie von Bildern. Hier zeigt einer der großen Künstler der jüngeren Vergangenheit, dass man ein Motiv immer und immer wieder aufs Neue angehen kann. Jeder Versuch zählt. Jede Probe verbessert irgendetwas. Und sei es nur die eigene Erfahrung. Oder die Chance, dass man immer wieder ein wenig weiter reduzieren kann. Bis fast nichts mehr bleibt, von ein paar scheinbar beliebig platzierten Strichen auf dem ansonsten respektabel leeren Papier. Man sieht es den Kindern förmlich an: Das ist ein interessanter Ansatz. Leere Blätter, das probieren sie sicher auch einmal.

Joan Miro in Brügge

Endgültig überzeugen wir sie jedoch mit Joan Miró gleich nebenan. Dieser reduziert einfach noch konsequenter. Leinwand? Pillepalle. Man kann auch einfach direkt an der Wand malen. Und selbst, wenn es mal ein richtig eigenständiges Bild auf einer Leinwand sein soll, dann reichen dort eben zwei Farbtupfer, ein grüner und ein roter. Faszinierend. Die Kinder gucken jetzt nicht nur, sie nicken auch. Das sollte doch zu schaffen sein. Man sieht ihnen förmlich an, wie sie sich bestätigt sehen und selbst neue Projekte planen.

Geh auf Reisen, heißt es. Da erlebst du was, heißt es. Auf jeden Fall lernst du was, stelle ich fest. Und auf mich sehe ich eine neue Karriere als Galerist zukommen. Irgendetwas muss ich mit der kommenden Kunstwerkschwemme zu Hause schließlich anstellen.