Los, Schotte, dranbleiben!

Saisonauftakt! So nennt man das wohl. Genau zu diesem Zweck gibt es den sogenannten Bienwald Marathon hier ganz um die Ecke der Südstaaten. Man nennt die Gegend auch Pfalz. Dort ist Platz, dort gibt’s Wald und obendrein viel flaches Land. Alles zusammen ergibt einen der ersten Marathonspäße des Jahres. Davor kann man sich entweder in der Halle amüsieren oder gern auch längere Strecken absolvieren. Aber hier im Haus ist für dieses Jahr Entspannung angesagt. Anstrengende Sachen hatten wir im letzten Jahr, ob nun auf Helgoland oder im Bergwerk: das war ja alles schön und gut. Aber irgendwann reicht’s auch mal. Irgendwann muss man sich schließlich auch erholen.

Daher habe ich dort drüben in dieser Pfalz heute auch nur die halbe Strecke absolviert. Der Plan war, den freundlich hochsonnigen Frühlingstag zu nehmen und einen netten Spaziergang draußen auf dem Land zu machen. Für die sprachlichen Insider übersetze ich das gern: In meinem Fall bewegt man sich dabei mit einer Pace von etwa 5:30 bis 6:00 min/km. Auf diese Weise kommt man rechtzeitig ins Ziel, um auch vom Rest des Tages noch etwas zu haben, ist aber am Ende nicht so fertig, dass man eben davon gar nichts mehr mitbekommt.

Damit die Veranstaltung trotzdem reizvoll bleibt, habe ich mich mit einem Kilt ausgestattet. Viel klassischer wird’s mit der Sportbekleidung schließlich nicht. Das habe ich vorher auch noch nie gemacht. Und Abwechslung soll ja gut sein. Langeweile kommt dann vielleicht im nächsten Jahr. Schauen wir mal.

Heute also alles etwas entspannter. Die Sonne schien. Der Kilt saß. Der Trab lief ruhig an. Bis ich auf einmal mit einem lockeren Kommentar über meine Kleiderwahl und meinen Laufstil nicht mehr allein lief. Five Fingers antwortete ich nur knapp zum Trainingshintergrund für meine Gangart. Man muss schließlich mit seiner Energie haushalten. Viel reden kann ich beim Laufen nämlich tatsächlich nicht. Das gibt die Kondition einfach nicht her. Es hat trotzdem dafür gereicht, dass die neue Begleitung am Ball und bei mir blieb. Und die mir fehlende Ausdauer hat sie auch locker wieder gutgemacht. Sehr locker, ruhig und ausgeglichen hat sie mich die nächsten Kilometer unterhalten. Es sei ihr erster Marathon. So etwas müsste man ruhig angehen. Das sähe sie auch so. Wahrscheinlich zog sie deswegen das Tempo stetig etwas an. Und redete munter weiter als ob sie es gar nicht bemerkt hätte. Die oben erwähnte Pace blieb von da an deutlich unterhalb der fünf Minuten pro Kilometer. Meine Wortbeiträge beschränkten sich auf mäßig unterschiedliche Intonationen des Atmens. Es störte meine Zugläuferin nicht. Sie blieb locker beim Tempo und erzählte in einem ausgeglicheneren Tonfall als ich ihn abends auf der Couch hinbekomme. Da ich mich nicht einmal adäquat verabschieden und zurückfallen lassen konnte, blieb ich dabei und spekulierte einfach auf etwas Entspannung in der zweiten Hälfte des Laufes, bei der die Marathonläufer von uns Halbstarken getrennt wurden.

Wobei ich in dieser zweiten Hälfte schnell merkte, einen neuen Nachbar zu haben. Er sagte jedoch kein Wort. Er lief einfach nur neben mir her. Er war nicht langsamer als ich. Er war nicht schneller. Er war einfach neben mir. Für alle, die das noch nicht selbst erlebt haben, verrate ich eins: Das ist psychologische Kriegsführung. Das ist eine Situation, in der man alles macht, aber eines nach Möglichkeit nicht: sich entspannt zurückfallen lassen, um sich auszuruhen. Also blieb ich beim Tempo. Mein Nachbar auch. Bis etwa drei Kilometer vor dem Ziel. Da war quasi Schluss. Irgendwann reicht’s schließlich. Es muss doch auch mal gut sein. Ich wurde langsamer.

»Los, Schotte, dranbleiben!«, meinte mein Nachbar in dem Moment plötzlich ganz lapidar. »Du hast in der ersten Hälfte so schön das Tempo vorgegeben, jetzt laufen wir das auch bis ins Ziel. Und zwar zusammen.«

Oha.

Es wurden drei lange Kilometer. Und auch, wenn sie gefühlt recht fix liefen, war ich am Ende von allen aus der lokalen Timeline wohl trotzdem als letzter im Ziel. Und nein, es war nicht nur Herr @LauftagebuchWolfgang dabei. Aber das macht nichts. Schließlich ist dieses Jahr alles etwas entspannter. Trotzdem möchte ich mich natürlich bei meinen beiden Zugläufern bedanken. Also: Danke, Janine. Und: Danke, Martin. Ohne Euch wäre ich deutlich später im Ziel gewesen. Ohne Euch hätte ich mir bestimmt auch ein Stück weniger von dem feinen Kuchen bei der Zielverpflegung geholt. Es wäre ein Verlust gewesen.