Modebewusstsein

Wir leben hier übrigens in einem Institut. Eine gewöhnliche Wohnung gab’s früher. Heute haben wir einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Das ist kein einfacher Job. Das lässt sich nicht mal eben im Vorübergehen bewerkstelligen. Dafür muss auch die Umgebung stimmen.

Was das Institut auszeichnet, ist eine große Spielfläche ein angemessener Arbeitsbereich für die kreativ Schaffenden der Familie. Also für die Dame des Hauses mit gelegentlicher Zutrittserlaubnis für die Kinder. Ich bewache die Tür. Hier wird eben jeder nach seinen Kompetenzen eingesetzt. Das gilt auch für Türsteher mit schmalen Schultern.

Im Atelier stehen unter anderem diverse Nähmaschinen. Diese wurden ursprünglich mit sogenannten Räuberhosen eingearbeitet. Dabei handelt es sich um eine Art Strampler für Krabbelkinder mit einer extra geräumigen Brusttasche für anfallende Räuberbeute. Das ist praktisch. Und das ist gleichzeitig ein solider Einstieg in die Maßfertigungskarriere der modernen Kinder von heute. So gibt es mittlerweile Hosen und Werkzeug für ausgebildete Kleinzimmerer und -innen. Je nach Auftragslage gibt’s auch mal eine Aktentasche. Und je nach Jahreszeit kommt ein Frühlingskleidchen oder ein Mäntelchen hinzu. Oder Brehms kleines T-Shirt-Leben. Es ist selten langweilig im Institut, es gibt immer wieder Überraschungen, Stoff ist schließlich ausreichend vorhanden.

In ganz besonderen Momenten und je nach Wetterlage fällt auch mal ein Stück für die Erziehungsberechtigten ab. Nach ausdrücklicher und andauernder Wunschäußerung habe ich beispielsweise mal ein paar maßgefertigte Fummel abgesahnt. Beziehungen sind halt doch etwas wert.

Manchmal entdeckt die Dame auch einen Bedarf für sich selbst. Dann zieht sie sich zurück. Plötzlich herrscht im Institut fleißige Ruhe. Nur das Rascheln von Stoff ist gelegentlich zu hören. Natürlich kommen nur feine Stoffe in Frage, gute Stoffe, erlesene Stoffe. Irgendwann klappern Scheren, zischen Stoffreste durch die Luft, klappert eine Nähmaschine. Plötzlich regiert wieder die Stille. Eine Modenschau folgt und schließt das rege Treiben ab.

Letztlich kommt es, wie es kommen muss: Im Alltag, im gewöhnlichen, verblassen die Erinnerungen an das kreative Institutstreiben erstaunlich schnell. Klar: am Morgen hilft es, wenn ausreichend Alternativen zur Klamottenwahl der Kinder vorrätig sind. Da findet sich bestimmt etwas. Oder die Vorräte helfen eben nicht. Da schließlich alles ganz toll ist und es heute unbedingt, ganz wichtig, ein komplett anderes Outfit als gestern sein soll, obwohl eben dieses noch herrlich sauber ist. Oder heute muss es unbedingt das exakt gleiche Outfit wie gestern sein, ganz ungeachtet der Spielplatzspuren, darauf ausgekippten Joghurtbecher und gleichmäßig eingearbeiteten Nutellaglasinhalte. Es ist kompliziert. Wer Kinder hat, kennt das sicher.

Ebenfalls kompliziert, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen, ist es schließlich am Abend. Der Tag ist durchgespielt, die Mahlzeiten alle eingenommen. Es fehlt nur noch das Zähneputzen und die Auswahl der jeweiligen Nachtgewänder. Der Gleichen wie am Vortag. Oder gänzlich anderer. Hier schließt sich plötzlich ein Kreis. Hier kehren die Muster vom Morgen am Abend zurück. Das Yin und Yang des Alltags: hier hat es sich versteckt, wir haben es gefunden. Wir müssen – wie gesagt – nur noch schnell die Zähne putzen. Auch wenn wir vielleicht schon viel zu müde dafür sind. Auch wenn uns der Sinn eigentlich nach ganz anderen Dingen steht. Auch wenn wir lieber unkontrolliert das Waschbecken anschreien möchten, dieses stille Ding, welches uns Wünsche nicht von den Augen abliest, dieses ignorante Miststück. Aber: wir schaffen das. Wir putzen jetzt auch noch die Zähne. Bei allen Kindern.

Selbst, wenn der Sohn ganz ruhig dasitzt, den müden Abendterror um ihn herum geübt ausblendet, die korrekte Schlafanzughose sogar schon angezogen, den Oberkörper jedoch noch nackt gelassen hat und mit einer lässig halb aus dem Mund heraushängenden Zahnbürste recht trocken feststellt: “Mama, Deine Bluse sieht heute aber chic aus!”

Eines hat der Nachwuchs im Institut auf jeden Fall schon gelernt: Diplomatie durch Komplimente, auch in kritischen Momenten. Bildungsauftrag erfüllt.