Von Zimmern und Farben

Papa, fragt der Sohn, wohnen wir jetzt wirklich alle in diesem Zimmer?

Ich: Ja, mein Sohn. Wir sind hier in einem Hotel. Da ist das durchaus üblich so.

Er: Cool.

Als sorgender Elter fragt man sich dan dieser Stelle natürlich, was genau dieses Cool jetzt wohl bezeichnet. Aber fragen lohnt sich nicht. Der Sohn würde es eh nicht auflösen. Ich spreche da aus Erfahrung. Versuchen Sie mal, die Hintergründe einzelner Phasen von sprachlichen Exzessen eines Vierjährigen aufzudröseln. Sie werden verstehen, was ich meine.

Auf jeden Fall stecken wir in einem Hotel, in Hamburg, noch bevor die Klassenfahrt wirklich los geht. Und dieses Zimmer in dem Hotel, in dem wir alle wohnen, also gemeinsam, die ganze Familie, wie aufregend, alle zusammen, also – dieses Zimmer ist eine super Bude. Vielleicht steht deswegen auch Superbude draußen dran. Wer weiß das schon? Zusammenhänge gibt’s ja, an die glaubt man fast gar nicht. Die Bude ist übrigens nicht nur super, sondern auch ganz in Rot gehalten. Alles rot. Fußboden, Wände, Decke, Einrichtung, Bad, Hocker: alles rot. Immer irgendwie ein wenig anders, aber rot. Die Dame des Hauses hat insgesamt tatsächlich sechs verschiedene Rottöne gezählt. Und da sie sich sowohl mit Farben als auch dem Zählen verdammt gut auskennt, wird das stimmen. Und man mag’s kaum glauben, aber das Gesamtbild wirkt: super. Sehr wahrscheinlich ist das ein Wort, welches der Sohn noch nicht kennt. Prompt nennt er es statt dessen schlicht: Cool. Kann ja alles sein.

Wir fahren trotzdem wieder weiter. Bude hin oder her, super – klar: alles toll. Aber Klassenfahrt ist Klassenfahrt. Und da kann man nicht einfach schwänzen und sagen: Ach, weißt Du, ich bin lieber die ganze Zeit in meiner Bude geblieben und habe mich am coolen Spiel der Farben erfreut. So geht das nicht. Wo kämen wir hin? Eben. Also: Klassenfahrt. Und wir wissen ja, was das bedeutet: rauf auf die Insel und ab in das nächste Hotel.

Der Sohn fragt ganz erstaunt: Wohnen wir hier schon wieder alle zusammen?

Ich: Ja klar. Ist ja ein Hotel.

Sohn: Aber es ist doch gar nicht rot?

Stimmt, hier dominiert eher Blau. Das hat er gut erkannt. Inselblau, sage ich mal, aber vielleicht ist’s auch irgendein anderes Blau. Andere kennen sich da besser aus. Auf jeden Fall ist rund ums Blau charmant minimalistischer Retrochic aus den 60ern zu finden. Das passt wirklich gut, man muss einfach nur Glück haben mit der Wahl des Hotels, auch wenn der Sohn glatt fragt: Aber wo sollen wir hier spielen? Die Antwort ist klar, denke ich: Draußen, mein Sohn. Da gibt es auch mehr Strand. Das hat ihn überzeugt. Und was man da draußen tatsächlich so alles anstellen kann, hat die Klassenlehrerin bereits protokolliert. Ich fasse es mal schlicht zusammen mit: alles super, macht aber müde. Und hat irgendwann ein Ende. Man glaubt’s ja kaum, stimmt aber. Also zurück. In die Bude. Als Eltern denken wir uns: Was am Anfang der Reise passt, kann am Ende nicht verkehrt sein. Es ist schließlich eine Superbude, was soll da schon schief gehen? Die Kinder fanden’s schon beim ersten Mal toll, was will man mehr? Sie haben gespielt, fast so schön wie zuhause. Es ist ein garantierter Treffer. Wir sollten niemals Lotto spielen, denn alles Glück ist schon verbraucht.

Nur ist das Zimmer dieses Mal keineswegs rot, sondern: grün. Wir kommen rein, wir finden’s toll. Wir können’s gar nicht glauben, so schön ist es. Nur der Sohn guckt sich kurz um, stellt sich in der Mitte des Raumes ganz ruhig hin und stellt fest: Grün ist nicht meine Lieblingsfarbe. Ich will lieber das rote Zimmer. Hier schlafe ich nicht.

Geh‘ auf Reisen, heißt es. Da erlebst Du was, heißt es. Das stimmt wohl, sage ich.