Sturmfrei

Kennen Sie das? Sie leben jahrelang in einer Beziehung. Sie gehen zusammen durch dick und dünn. Sie erleben aufregende Sachen zusammen. Sie erleben den Alltag miteinander. Sie wohnen zusammen. Sie sind eine Einheit, quasi eine Wohnungseinheit. Wenn der jeweils andere tatsächlich mal nicht da sein sollte, fehlt richtig was. Es ist fast so, als würde man schnell noch links und rechts nachsehen, ob nicht vielleicht noch ein Arm abgefallen ist, so unvollständig fühlt man sich.

Und irgendwann passiert’s dann doch: der andere ist auf einmal weg. Also nur vorübergehend, versteht sich. Aber doch länger als nur für eine Verabredung am Abend. Richtig weg, für mehrere Tage.

Sturmfrei.

Jetzt ist die Routine dahin. Sturmfrei zu haben, heißt, mal so richtig die Sau rauslassen zu können. Nichts ist so, wie es immer ist. Also kann man auch gleich raus gehen. Parties besuchen. Feste feiern. Die ganze Nacht durchtanzen. Zu Hause wartet eh niemand, also: warum beeilen? Und falls außer Haus wirklich gerade nichts anstehen sollte, kann man einfach ganz viele Leute zu sich einladen. Findet die Party eben gleich dort statt. Macht ja nichts, es ist schließlich niemand da, der etwas dagegen haben könnte. Also wieder: Feste feiern und durchtanzen bis zum Morgengrauen. So läuft das, wenn man sturmfrei hat. Ganz klar.

Außer, man hat Kinder.

Dann bleibt man auf jeden Fall erst mal zu Hause. Wer holt sich schon einen Babysitter, um dann allein irgendwo hin zu gehen? Eben. Und dass man keine Hundertschaften zur Party des Jahres einläd, ist sicherlich eh klar. Denn Kinder zu haben, sollte am späten Abend heißen, schlafende Kinder zu haben. Allzu unanständiger Lärm ist dem meist recht abträglich.

Sturmfrei heißt jetzt: Man bleibt zu Hause, man hat keinen Besuch, man ist allein. Und irgendwie will man das jetzt ausnutzen. Passiert schließlich nur selten, dieses sturmfrei. Da kann man es nicht einfach so verstreichen lassen. Also liest man erst einmal das Internet leer. Schafft man sonst ja nie. Hier gibt’s endlich die Gelegenheit. Wenn man damit fertig ist, bleibt natürlich immer noch viel freie Zeit. Also ab, zurück an den Rechner. Arbeiten. Endlich mal all die Sachen erledigen, die schon seit Äonen liegen geblieben sind. Schaffen, bis der Kopf auf den Tisch fällt. Da werden Träume wahr. Sturmfrei ist die Rettung für Zeitplanungsopfer, denen das Lied von der Work-Life-Balance schon so zu den Ohren heraus hängt, dass sie vor lauter Gleichgewicht fast von der Yogamatte fallen.

Also stellen Sie sich das jetzt bitte einmal vor: Sie haben sturmfrei. Dann sitzen Sie letzten Endes da und daddeln den ganzen Abend allein vor dem Rechner herum. Vielleicht nennen Sie es Arbeit, vielleicht sind Sie auch ehrlich sich selbst gegenüber. Es ist aber egal, denn irgendwann fällt Ihnen der Kopf auf den Tisch. Dann heben Sie ihn wieder auf und schleppen sich ins Schlafzimmer. Dort fallen Sie ins Bett. Vielleicht brabbeln Sie noch schnell irgendetwas unverständliches zu dem Kleinkind, das da irgendwo mit herumlungert. Aber eigentlich fallen Sie einfach nur um und schlafen tief und fest.

Bis Sie irgendwann eine Stimme hören. Papa?, ruft diese. Also werden Sie ausreichend wach und gehen hin. Ja?, fragen Sie zurück. Ich will aufstehen!, antwortet die Stimme. Im Imperativ. Glasklar und deutlich. Hier ist bereits eine Entscheidung gefallen. Da hilft nur eins: Seien Sie spontan, seien Sie konkret, bringen Sie es auf den Punkt, sagen Sie: Sohn, die Uhr sagt ‚was mit vier, da schlafen wir! Wird schon gut gehen. So gut vielleicht, dass Sie am Ende der Nacht feststellen, dass der ganze zu Hause gebliebene Teil der Familie glatt zwei Stunden länger geschlafen hat als sonst. Die fehlende Routine hat ihren Preis gefordert, ganz klar. Einmal sturmfrei und das Lotterleben zieht ein. Verfall der Sitten, man macht sich keine Vorstellungen.

Hier wird’s wohl Zeit, dass die Dame des Hauses wieder zurück kommt.