Der Fressa

Der gemeine Dreijährige kann es nur schwer akzeptieren, wenn es für irgendwelche Fragen keine plausiblen Antworten gibt. Für gewöhnlich sind es natürlich die Eltern, die entsprechend mit den Fragen traktiert werden und Antworten in vollkommener Präzision zu liefern haben. Manchmal scheint das, was wir Großen da erzählen, aber einfach nicht plausibel genug zu sein. Und manchmal, das gebe ich ganz offen zu, stellen wir kleinere Rückfragen, man weiß schließlich nie, was der Herr Nachwuchs da an versteckten Untertönen mit in seine Frage gelegt hat.

Das ist für den Sohn natürlich nicht akzeptabel. Also muss er selbst ran. Fragen ohne adäquate Antworten: wo gibt’s denn sowas? Eben. Und der Sohn ist gründlich.

Wenn man ihn zum Beispiel früh am Morgen aus dem Bad in sein Zimmer schickt, damit er sich schon mal anzieht, während man die kleine Schwester fertig macht, sitzt er gern 10 Minuten später halbnackt mitten in seinem Zimmer, baut dort riesige Bauklötzchenkunstwerke, denkt aber offenbar nicht im Entferntesten daran, sich auch nur ein klein wenig auf die Füße zu ziehen, geschweige denn auch den Rest der vorgesehenen Kleidung über zu werfen. Sollte man es sich in einem solchen Moment wirklich erlauben, ihn zu fragen, warum er denn bitte noch nicht so wirklich weit mit dem abgesprochenen Anziehen gekommen ist, guckt er nur ungläubig. Dann schüttelt er den Kopf, steckt noch ein Bauklötzchen auf sein Kunstwerk, guckt wieder hoch und sagt: Der Sockenfressa war da! Da kann man nichts machen.

Bringt man ihn dann in den Kindergarten, kann es natürlich auch sein, dass seine Hausschuhe dort nicht 100%ig an ihrem vorgesehen Ort liegen. Papa, wo sind die denn?, fragt er mich und ich antworte ganz ehrlich: Ich weiß es auch nicht, aber lass uns doch mal im Fach nebenan nachgucken. Das ist natürlich grober Unfug und der Sohn zögert nicht lange, mir das auch klar zu sagen: Nein, das brauchen wir nicht. Der Schuhfressa war da!

Abholen vom Kindergarten? Jackenfressa! Zimmer aufräumen? Unnötig, denn: Spielzeugfressa! Abends im Bad? Zahnbürstenfressa! Kuscheltier für die Nacht irgendwo verkramt? Plüschtierfressa!

Es ist wirklich erstaunlich: Am Ende des Tages bleiben keine Fragen mehr offen. Auf alles gab es eine Antwort. Schuldenfrei in den nächsten Tag, das ist derzeit ganz klar das Motto des kleinen Mannes.

Davor kann man nur großen Respekt haben, also staune ich. Und während des Staunens stopfe ich seelenruhig feine Oliven in mich rein. Die liegen hier so rum. Wir hatten heute nämlich Besuch und der hat sich bei den angebotenen Snacks ausreichend vornehm zurück gehalten, so dass etwas Fingerfood übrig geblieben ist. Gut, denke ich mir, der eine kümmert sich um offene Fragen, kümmere ich mich eben um offene Reste. Und da es spät geworden ist, mache ich dicke Backen und hoffe, dass der Sohn schön tief und fest weiter schläft. Man stelle sich vor, er würde jetzt aufwachen. Wie sollte ich ihm da glaubwürdig erklären, dass man mit vollem Mund nicht spricht? Er würde bestimmt gleich sagen: Papa, Sittenfressa!

Nicht auszudenken.